Good night, beziehungsweise good luck.
Damit bin ich nicht alleine. Offenbar kann zur Zeit niemand mehr schlafen, einschlafen oder gar durchschlafen, wobei natürlich das eine das andere, dings. Nicht schlafen is the newest, the latest, it's it. Nicht schlafen können ist derart in, alle anderen ins können sich schonmal verschämt auf den Weg nach hinter Traunstein machen, denkt dran, ihr habt es hier zuerst gehört. Wer dieses Frühjahr/Sommer noch behauptet, er schlafe wie ein Baby, der darf sich FREAK aufs T-Shirt drucken und gleich auch noch zugeben, zuhause keinen Rechner zu besitzen, schliesslich starre man ja schon die ganze Woche im Büro undsoweiter, die Verteidigung ruht, Euer Ehren, die Verteidigung ist müde. Ausserdem gehört das mit dem Rechner in einen anderen Text, ich bin so müde, ich hab mich vertan. Und überhaupt schlafen Babies gar nicht wie Babies, Babies plärren die ganze Nacht.
Ich habe schon fast alles versucht. Früh ins Bett, spät ins Bett, überhaupt nicht ins Bett, mit Alkohol, ohne Alkohol, mit viel Alkohol, mit wenig Alkohol, mit anderem Alkohol, mit Schlaftee, mit Badewanne, von heisser Milch wird mir schlecht, Sport am Abend, Wärmflasche, Baldrian. Mir ist klar, dass ich statt Baldrian auch M&Ms schlucken könnte, aber richtige Schlaftabletten machen mir Angst. Was, wenn ich nicht mehr aufwache? So war es dann ja auch wieder nicht gemeint. Man darf Baldrian übrigens nicht im Liegen einnehmen. Baldrian nicht im Liegen einnehmen, Baldrian nicht im Liegen einnehmen, Baldrian nicht im Liegen einnehmen, da müsste doch was gehen, verdammt. Viel Wein im Kopf scheint erstmal die beste Lösung, wer hätte das gedacht. Man schläft ein wie ein Baby und ich weiss sehr wohl, dass ich da oben noch behauptete, Babies würden nicht schlafen. Na und? Ich bin halt müde. Leider ist das, was folgt mitnichten Schlaf, das ist bestenfalls Flatrate-Schlafen, am nächsten Morgen kann man sich im Spiegel ansehen, wie ein gerade aufgewachter Komapatient aussieht. Nicht so hübsch. Wärmflaschen klingen zunächst gut, tragen aber oft ein Polyester-Plüschtier-Outfit. Möchte ich eine Plüschtierkuh auf meinem nackten Bauch haben, möchte ich gar mit einem kalten Plüschtier, 50% Polyester, 50% Plastik, im Bett aufwachen? Igitt. An meiner Schlafposition liegt es auch nicht, und wenn, dann hilft mir das nicht. Ich kann beziehungsweise konnte schon immer nur als halber Embryo einschlafen, warum schreibe ich eigentlich dauernd "beziehungsweise"? Weil ich zu müde bin, um mich klar auszudrücken, darum. Auf dem Rücken liegend bekomme ich Alpträume, noch nie habe ich verstanden, wie man so schlafen kann, am Ende noch mit den Armen über dem Kopf. Wer sich derart schutzlos der Nacht ausliefert, der kann nicht mehr alle beisammen haben. Ich sage nicht, dass die Nacht böse ist. Ich sage nur.
Doch, sag ich schon. Die Nacht ist böse, und zwar so gegen 4:00 Uhr. Wer jemals um 4:00 Uhr wachlag, und offensichtlich sind das alle, der weiss, wovon ich rede, was red ich eigentlich noch. "Wee small hours of the morning" nennt der Amerikaner diese Nachtzeit, und hat mal wieder keine Ahnung, wovon er spricht. Wee, small, haha. Nie werden Dinge grösser und furchteinflössender als zu dieser Stunde, ich war schon desöfteren überzeugt, dass am nächsten Tag sowieso meine Welt über mir zusammenstürzt, nur, weil ich keine Milch mehr im Kühlschrank hatte. Gerade fällt mir auf, dass dann immerhin endlich alles wirklich scheissegal wäre, auch das mit der Milch. Es bliebe wohl kaum Zeit für einen Kaffee, wenn die Welt sich mal zum Absturz entschlossen hat. Sollte es ganz schlimm werden, so sagt man mir, soll ich einfach an etwas Schönes denken, wie beim Zahnarzt. Wie beim Zahnarzt, vielen Dank auch, kann ich mir gleich die nächste Angst für heute Nacht einpacken. An Weihnachten zum Beispiel soll ich denken, oder an süsse Hunde, an Disneyland, oder an süsse Hunde mit rosa Schleifchen in Disneyland. Weihnachten, Hündchen, igitt. Lieber hätte ich Besuch von ein, zwei Gespenstern, als mir zu dieser Stunde meine Probleme in THX Lautstärke anhören zu müssen. Einmal im Monat kommen die Höllenstunden mit Bonusmaterial, dem Vollmond. Um drei Uhr hat er es soweit über den Himmel geschafft, dass er zentriert in meinem Dachfenster steht, ich nehme an, das Runde muss auch am Firmament ins Eckige. Da steht er dann, wie eine alte Discokugel, die ihren Glitter über die Jahre verloren hat und spotlightet mein Schlafzimmer. Ich will aber nicht tanzen, verdammt.
Nicht alleine ins Bett gehen macht die Sache übrigens auch nicht einfacher, beziehungsweise nur manchmal, ich sage nur ein Wort: Löffelchen. Hübscher Ausdruck, passt wie wie Löffelchen an Löffelchen im Besteckkasten, aha, heisst deshalb wohl auch im Englischen so, "spooning" nämlich. Englisch kann ich auch müde, aber was hab ich davon. Offensichtlich hat die ganze Welt ordentlichere Besteckschubläden als ich, meine Löffelchen fliegen einfach so herum, die Löffel übrigens auch, obwohl man von einem ausgewachsenen Löffel ein bisschen mehr Ordnung erwarten könnte. Ich bin genau wie meine Löffelchen, mir wird ein anderer Arm schnell mal zur Handschelle, wenn er über meinem Bauch zuschnappt. Was, wenn ein wildes Tier ins Schlafzimmer eindringt, eine Spinne zum Beispiel? Ich könnte nicht schnell genug die Flucht ergreifen, und auf die Herren Jäger und Sammler verlasse ich mich in so einem Fall lieber nicht. Ich meine, wenn die erstmal schlafen.
Schäfchen zählen klappt nicht, wie auch, so eine Schafherde ist ganz schön laut, kann doch kein Mensch einschlafen bei dem Krach. Rückwärtszählen fällt aus, ich kann keine Zahlen. Lesen geht immer, aber lesen ist nicht gleich schlafen. Ich bin noch nie über einem Buch eingeschlafen, ich bin auch noch nie auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen, auch früher nicht, als ich noch wusste, wie das geht. Mittlerweile wäre es mir egal, wenn ich beim Fahrrad absperren im Hinterhof wegdriften würde. Hauptsache es klaut keiner mein Rad und Hauptsache schlafen, verdammt. Aber gestern, gestern war ich SO kurz davor. Ich fiel schon runter, war zu schwer, mich schon wieder umzudrehen beziehungsweise rumzuwälzen, zuzudecken, freizustrampeln, kippte rüber, am Rand meines ersten Traumes warteten N. und B. auf mich, obwohl die sich gar nicht kennen. Sie redeten aufgeregt auf mich ein, aber ich war zu müde, ich verstand kein Wort. Also riss ich die Augen mit Gewalt wieder auf, um mich zu konzentrieren. Aus purer Höflichkeit. Bitte in Zukunft am Anfang meiner Träume etwas deutlicher sprechen oder lauter oder am besten erstmal gar nicht, beziehungsweise verdammt nochmal.
