Nachts um halb eins stand ich am Fenster und machte mich nicht nur ein bisschen über meinen Nachbarn lustig, der gewissenhaft seinen kleinen Dachterrassenbalkon fegte. Dass mir selbst schliesslich auch nur das Häkelkissen unter den verschränkten Armen fehlte fiel mir erstmal nicht auf.

Ja, nee, Moment, das muss anders gehen, mit dem Wetter, da soll sich bitte nochmal jemand dransetzen. Es kann nicht sein, dass ich vormittags bei Sommer und Hitze zuhause bin, weil ich aus selbst erfundenen Gründen vormittags noch nicht baden gehen darf. Es kann auch nicht sein, dass der Himmel, kaum bin ich am Wasser, sich für dunkelgrau entscheidet. Und es kann schon gar nicht sein, dass es da hinten heller wird, kaum bin ich wieder zuhause. Das muss bitte sorgfältiger organisiert werden, ich kann so nicht nicht arbeiten.

Halbzeit

1.   Kurt Held: Die rote Zora *
2.   Woody Allen: Mere Anarchy
3.   Marc Childress: One Mississippi *
4.   Siri Hustvedt: What I loved
5.   Kirsten Fuchs: Heile, Heile
6.   Cormac McCarthy: The Road *
7.   Jochen Schmidt: Triumphgemüse
8.   Robert Gernhardt: Kippfigur
9.   Dana Vachon: Mergers & Acquisitions
10. Jonathan Trooper: Everything changes *
11. Miranda July: No one belongs here more than you *
12. Alexander Gorkow: Mona
13. Ian McEwan: On Chesil Beach
14. Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle *
15. Peter Licht: Wir werden siegen
16. Katharina Hacker: Die Habenichtse
17. Marc Twain: The adventures of Tom Sawyer and Huckleberry Finn
18. Joe Dunthorpe: Submarine
19. John Niven: Kill your friends
20. The Seinfeld Scripts, Season 1 + 2
21. Wolf Schneider: Deutsch
22. Michael Cunningham: The hours
23. Harald Martenstein: Vom Leben gezeichnet
24. Matthew Sharpe: The sleeping father
25. Ottfried Preussler: Hörbe mit dem grossen Hut
26. Maxi Wander: Guten Morgen, Du Schöne
27. Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf
28. Marlen Haushofer: Die Wand *
29. Nick Flynn: Another bullshit night in suck city

 

nicht verkrampfen, part II

thump. Besser kann ich es nicht lautmalen, es war ein sehr kleines Geräusch. Wir haben fast 40 Kilometer hinter uns, mit den Rädern über den Berg, Schotter rauf Schotter runter, bergab bleibt meine grosse Schwester jedesmal an meiner Seite, erst auf dem letzten geteerten Stück verliere ich ein bisschen Angst und lasse los. thump. Ich weiss es schon bevor ich zurückschaue, und bevor ich das Moutainbike in den blitzblauen Himmel fliegen sehe. Sie ist noch im Krankenhaus und es geht ihr nicht so gut aber es geht ihr gut. thump. Viel zu leise, eigentlich.

aua

"Mama, wo sind die Pflaster?" – ich hatte weder Messer noch Schere noch Licht in der Hand, blute aber trotzdem wie nichts Gutes. Meine Mutter nimmt meine Hand, hält sie unters Wasser, trocknet, und wickelt ein aus dem Nichts aufgetauchtes Pflaster um meinen Finger. Ich sehe ihr von zwei Köpfe grösser dabei zu und würde jetzt gerne einen sentimentalen Mutter-Tochter Gedanken hier hin schreiben, stattdessen finde ich es genau wie sie völlig normal, dass sie ihre 40-jährige Tochter verarztet, als wäre diese gerade mal drei. "Ned so schlimm" sagt sie. "Hast Du kein anderes" maule ich, "auf meinen Pflastern daheim sind Enten und Bärchen!" Aua.

Die Tage wollen neuerdings strukturiert sein und ich will bewegt sein, und zwar nicht nur dauernd im Kopf. Aus diesem Grund liegt neben mir der "Body up Diva Gymnastikplan". Zudem tut es mir sicherlich gut, wenn mir wenigstens eine Stunde am Tag gesagt wird, was ich machen soll - selbst wenn es nur ein von einer ekelhaft gut gelaunten Trainerin gekieckstes "und gleich nochmal, hurra, links rechts!" ist. Oder wie man halt in Aerobicstunden so redet. Leider scheint mein gutes Vorhaben schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt, denn ich kann mich nicht für ein Programm entscheiden, es klingt alles so unverständlich bis lächerlich. "Easy Fatburner" zum Beispiel. Fett verbrennen war noch nie einfach, für wie blöd halten die mich? Oder "Back & Style". Mit Style kenne ich mich ein bisschen aus, was aber hat mein Rücken damit zu tun? Wenn eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, dann macht ein gerader Rücken auch noch keine Stilikone, das wäre ja noch schöner. "Tae Bo" sagt mir was, was genau aber ist "Europ. Tae Bo"? Die europäische Variante, also weniger scharf? Ich dachte, das gibt es nur beim Thailänder. "Calburner mixed" wiederum glaube ich zu verstehen, wahrscheinlich verbrennt man erst die einen Kalorien, und dann die anderen, erst das Frühstück, dann die Frust-Gummibärchen, immer schön eins nach dem anderen. Es gibt eine Stunde, die heisst lediglich "90 Minuten", ist also eigentlich gar keine Stunde, soweit kann sogar ich rechnen. Das ist mir so lange sympathisch, bis ich den Verdacht hege, das könnte sozusagen der Joker unter den Aerobistunden sein, und man weiss nie, was einen erwartet. Nein, danke. Ich mag keine Überraschungen. Immerhin gibt es noch das gute alte Bauch Beine Po, was mich jedesmal mit einem "und was ist mit meinem Busen, der fängt doch auch mit B an!' denken lässt, und wenn schon Alliteration, warum dann eine halbgare und nicht gleich the real thing, nämlich BBB, Bauch Beine Busen? Wie so ein Training dann aussehen sollte weiss ich auch nicht, ich bin schliesslich keine Aerobictrainerin. Obendrein kommt es neuerdings zusätzlich als "BBP Express" daher, to go sozusagen, für die ganz eiligen. Dauert wahrscheinlich nur 10 Minuten, toll. Mein Favorit aber, über den ich allerdings nicht länger nachdenken will:"Hot Iron". Heisses Eisen. Fass ich lieber nicht an. Überhaupt: Was genau habe ich unter Body up Diva zu verstehen? Körper dich hoch, Diva? Bitte nicht englisch sprechen, wenn es noch nicht so gut klappt, ihr habt doch auch schön 'Gymnastik' drübergeschrieben, so redet ja heute auch kein Mensch mehr, oder lebt Turnväterchen Jahn etwa noch? Ist euch "Work out" nicht eingefallen? Ich jedenfalls gehe jetzt erstmal joggen, aber nicht auf dem Laufband. Entschuldigung, "Treadmill" wollte ich sagen.

Die meisten Menschen können Radfahren, aber das Gleichgewicht halten wenn der Bus losfährt, das können sie nicht. Wo ist da der Unterschied und was ist daran so schwierig, möchte ich wissen, denn sie fallen immer nur auf mich drauf, ob 152 Bus oder U3, egal. Nach jedem 'zurückbleiben bitte' steuert garantiert noch ein Münchner oder ein Tourist oder ein Münchner Tourist den Platz mir gegenüber an, zögert, balanciert, schaut erschrocken, weil der Bus tatsächlich losfährt, Überraschung, fällt dann wenig elegant auf mich drauf und kommt bis zum Odeonsplatz erstmal nicht mehr hoch. Das ist nur in ganz wenigen Fällen angenehm, aber ich habe mich daran gewöhnt. Kaum gewöhne ich mich an etwas wird alles anders, heute also ein sehr dicker Mann inklusive Gastauftritt offene Augustinerflasche. Nicht nur war der Tag scheisse, jetzt stinke ich auch noch, so wird doch noch immer alles rund, dankeschön.

Egal, welchen Briefkasten ich aufmache oder anklicke, egal, welchen Hörer ich abnehme, egal, wo ich hinkomme: überall Grinsegesichter und Geschenke. Meine Welt hat sich ein Cheerleader-Röckchen angezogen.

03.01.08|19.25
Mit mir warten jede Menge Menschen auf den Bus. Und die drei Jungs. Sind höchstens 15, dabei lauter als fünf schwerhörige 90-jährige, die sich den letzten Tratsch erzählen wollen, und übertrumpfen sich gegenseitig mit mp3 Playern. Meiner hat 5GB, meiner hat 200 Euro gekostet, ey, deiner hat nur 2G, Alter, mein Bruder, der hat den allerneuesten in schwarz. Dazwischen wird ständig ohne erkennbaren Grund auf den Boden gespuckt und rumgerempelt. Jaja, aber brav mit dem Bus fahren und den grossen Bruder rausholen, das ging früher auch anders, Jungs. Der kleinste von den dreien holt sein Handy raus, aus dem Musik plärrt, die ich ebensowenig zuordnen kann wie die Haarschnitte oder die Turnschuhe oder die Jacken der Jungs. Ich versuche gerade, ein 'halbstark' abzuwehren, das plötzlich in meinem alten Kopf herumgeistert, als der Größte derart laut rülpst, dass selbst die Wartenden mit Kopfhörern einmal kurz zusammenzucken. Dabei sieht er ausgerechnet mir länger als nötig in die Augen, aber ich habe keine Zeit für erzieherische Massnahmen, ich versuche immer noch, ein anderes Wort für 'halbstark' zu finden, damit ich mich nicht noch älter fühle. Kurz danach fragt mich der Kleinste ohne jede erkennbare Ironie und äusserst höflich: 'Entschuldigen Sie, haben Sie vielleicht ein Tempo für mich?' Ich könnte seine Mutter sein, und jetzt habe ich nichtmal ein Taschentuch für die Rotznase. Aber mein ipod hat 80GB, Alter!

ich hab jetzt mal zu heiss gebadet, und ich hab mir jetzt mal den kopf gewaschen, probehalber. was tut man nicht alles.

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