gib der katze zucker

Ich sagte es schon: der Tag, an dem ein Tier ins Haus kommt, ist der Tag, an dem ich ausziehe. Wie ernst es mir damit ist erfuhr ich am letzten Wochenende. Ich war eingeladen, bei Freunden, die ihrerseits eingeladen waren, die Gastgeber wiederum waren woanders eingeladen. Jackpot! möchte man rufen, wenn man so in einem Haus in den Schweizer Bergen landet, wo der Kühlschrank mehr Schokolade beherbergt, als irgendjemand jemals essen könnte, wäre nicht ich eingeladen. Zudem wurde mir der Luxus eines eigenen Zimmers zu teil, das Badezimmer musste ich nur mit Katzenklo, Fressnapf und einem 100 Kilo Sack Katzenfutter teilen. Es war mir egal, so wie mir auch Katzen egal sind, hätte irgendein Dinosaurier damals alle Katzen huckepack mit ins Nirvana genommen, mir würde heute noch nichts fehlen. Damit war ich in guter Gesellschaft, denn auch meine Gastgeber stolperten nur leicht irritiert um das Hausgetier herum, liessen sich ansonsten aber nicht weiter stören. Drei Erwachsene, eine Zweijährige, jeden Tag Besuch – man möchte meinen, dass in dieser Konstellation wenigstens ein Katzenliebhaber auftaucht, aber nicht mit uns. Ich schwöre, niemals in der Geschichte der Haustiere wurden Katzen mit weniger Liebe und Aufmerksamkeit bedacht als an diesem Wochenende.

 

Es sollte sich bald zeigen, dass die Katzen von solcher Ignoranz wenig hielten. Ich stand vor dem Waschbecken, als sich eines der Viecher nicht nur zu mir gesellte, sondern auch den Nerv hatte, mir miauend um die Beine zu schleichen, das aufdringliche Biest. Dann schlich sie zum Fressnapf und sah mich vorwurfsvoll an, falls so etwas geht. "Fressnapf leer" dachte ich, gab alle drei sprichwörtlichen Affen auf einmal und wusch mir erstmal den Tag aus dem Gesicht. Ich hätte das Vieh gerne weiter ignoriert, leider spiegelte der Spiegel den traurigen Anblick, wie es sich nun einmal gehört für einen Spiegel. Ich schraubte die Zahnpasta auf, die Katze kuckte. Ich putze mir die Zähne, die Katze kuckte vorwurfsvoll, doch, so etwas geht. Ich fühlte mich beobachtet, obwohl ich noch angezogen war. In einem letzten Akt der Verzweiflung und auch, weil ich das nachts vor dem Schlafengehen nun einmal mache, nahm ich die Kontaktlinsen heraus. Leider bin ich nicht kurzsichtig genug, denn immer noch sah ich die Katze vorwurfsvoll kucken. Ich versuchte es mit Gedankenübertragung: "Raus hier, Katze!" Als das nicht wirkte wurde ich etwas freundlicher: "Ich muss pinkeln, liebes Kätzchen, und ich weiss nicht mal, wie du heisst, aber würde es dir etwas ausmachen, wenn Du?" Als auch das keine Wirkung zeigte, begann ich mir Vorwürfe zu machen. Ging jemals irgendjemand liebloser mit einer Katze um? Einer süssen kleinen Katze? Warum hob ich nicht einfach den 100 Kilo Sack Katzenfutter (mit Lachs-Geschmack) und füllte den Fressnapf? Ich habe schon schwerere Dinger im Leben gehoben, ehrlich, trotzdem fühlte ich mich immer noch nicht zuständig. Niemals würde ich meine Kindheit als Entschuldigung verbraten, aber ich musste ohne Haustiere aufwachsen, nie krabbelte auch nur ein kleines Meerschweinchen unter dem Christbaum rum, geschweige denn ein Pony, und so kam es, wie es kommen musste, hör gut zu, Mama: Kräftemessen mit einer hungrigen Katze nachts um halb eins in der Schweiz, Showdown. Was soll ich sagen, ich knickte ein, gab nach, das Vieh war stärker, ich gab der Katze Futter, und ich kann nur hoffen, dass irgendein überirdisches Excel-Sheet meine Karmapunkte addiert. Am nächsten Morgen musste ich nicht nur glaubhaft versichern, dass der Fressnapf wirklich leer war, nein, ich musste mich auch noch für den Lärm entschuldigen, den ich beim Auffüllen verursachte. Wir werden alle in der Hölle landen.

 

 

 

Good night, beziehungsweise good luck.

Schlafmangel ist nicht nur das neue Schwarz (Augenringe!), Schlafmangel ist auch das falsche Wort, beziehungsweise nicht ganz das richtige, beziehungsweise schon das Resultat von dem, was ich meine. Ich seh schon, man sieht schon. Wie sich klar ausdrücken, wenn man viel zu wenig Schlaf bekommt, da fallen den Sätzen die schweren Lider, beziehungsweise die Buchstaben, von den Satzzeichen möchte ich gar nicht reden, ach. Es mangelt mir nicht etwa an Schlaf, weil ich mir gutgelaunt die Nächte um die Ohren schlage, beziehungsweise tue ich natürlich genau das, aber halt nicht gutgelaunt. Beziehungsweise halt nicht so. Dann wäre ich selbst schuld, könnte tagsüber belustigt gähnen, und mich am Wochenende mal so richtig ausschlafen. Ich aber mutiere gerade völlig grundlos zum Zombie, und daran bin ich ausnahmsweise mal nicht selbst schuld, ich kann nichts dafür, ich schwöre ich hab überhaupt nichts gemacht!

Damit bin ich nicht alleine. Offenbar kann zur Zeit niemand mehr schlafen, einschlafen oder gar durchschlafen, wobei natürlich das eine das andere, dings. Nicht schlafen is the newest, the latest, it's it. Nicht schlafen können ist derart in, alle anderen ins können sich schonmal verschämt auf den Weg nach hinter Traunstein machen, denkt dran, ihr habt es hier zuerst gehört. Wer dieses Frühjahr/Sommer noch behauptet, er schlafe wie ein Baby, der darf sich FREAK aufs T-Shirt drucken und gleich auch noch zugeben, zuhause keinen Rechner zu besitzen, schliesslich starre man ja schon die ganze Woche im Büro undsoweiter, die Verteidigung ruht, Euer Ehren, die Verteidigung ist müde. Ausserdem gehört das mit dem Rechner in einen anderen Text, ich bin so müde, ich hab mich vertan. Und überhaupt schlafen Babies gar nicht wie Babies, Babies plärren die ganze Nacht.

 

Ich habe schon fast alles versucht. Früh ins Bett, spät ins Bett, überhaupt nicht ins Bett, mit Alkohol, ohne Alkohol, mit viel Alkohol, mit wenig Alkohol, mit anderem Alkohol, mit Schlaftee, mit Badewanne, von heisser Milch wird mir schlecht, Sport am Abend, Wärmflasche, Baldrian. Mir ist klar, dass ich statt Baldrian auch M&Ms schlucken könnte, aber richtige Schlaftabletten machen mir Angst. Was, wenn ich nicht mehr aufwache? So war es dann ja auch wieder nicht gemeint. Man darf Baldrian übrigens nicht im Liegen einnehmen. Baldrian nicht im Liegen einnehmen, Baldrian nicht im Liegen einnehmen, Baldrian nicht im Liegen einnehmen, da müsste doch was gehen, verdammt. Viel Wein im Kopf scheint erstmal die beste Lösung, wer hätte das gedacht. Man schläft ein wie ein Baby und ich weiss sehr wohl, dass ich da oben noch behauptete, Babies würden nicht schlafen. Na und? Ich bin halt müde. Leider ist das, was folgt mitnichten Schlaf, das ist bestenfalls Flatrate-Schlafen, am nächsten Morgen kann man sich im Spiegel ansehen, wie ein gerade aufgewachter Komapatient aussieht. Nicht so hübsch. Wärmflaschen klingen zunächst gut, tragen aber oft ein Polyester-Plüschtier-Outfit. Möchte ich eine Plüschtierkuh auf meinem nackten Bauch haben, möchte ich gar mit einem kalten Plüschtier, 50% Polyester, 50% Plastik, im Bett aufwachen? Igitt. An meiner Schlafposition liegt es auch nicht, und wenn, dann hilft mir das nicht. Ich kann beziehungsweise konnte schon immer nur als halber Embryo einschlafen, warum schreibe ich eigentlich dauernd "beziehungsweise"? Weil ich zu müde bin, um mich klar auszudrücken, darum. Auf dem Rücken liegend bekomme ich Alpträume, noch nie habe ich verstanden, wie man so schlafen kann, am Ende noch mit den Armen über dem Kopf. Wer sich derart schutzlos der Nacht ausliefert, der kann nicht mehr alle beisammen haben. Ich sage nicht, dass die Nacht böse ist. Ich sage nur.

 

Doch, sag ich schon. Die Nacht ist böse, und zwar so gegen 4:00 Uhr. Wer jemals um 4:00 Uhr wachlag, und offensichtlich sind das alle, der weiss, wovon ich rede, was red ich eigentlich noch. "Wee small hours of the morning" nennt der Amerikaner diese Nachtzeit, und hat mal wieder keine Ahnung, wovon er spricht. Wee, small, haha. Nie werden Dinge grösser und furchteinflössender als zu dieser Stunde, ich war schon desöfteren überzeugt, dass am nächsten Tag sowieso meine Welt über mir zusammenstürzt, nur, weil ich keine Milch mehr im Kühlschrank hatte. Gerade fällt mir auf, dass dann immerhin endlich alles wirklich scheissegal wäre, auch das mit der Milch. Es bliebe wohl kaum Zeit für einen Kaffee, wenn die Welt sich mal zum Absturz entschlossen hat. Sollte es ganz schlimm werden, so sagt man mir, soll ich einfach an etwas Schönes denken, wie beim Zahnarzt. Wie beim Zahnarzt, vielen Dank auch, kann ich mir gleich die nächste Angst für heute Nacht einpacken. An Weihnachten zum Beispiel soll ich denken, oder an süsse Hunde, an Disneyland, oder an süsse Hunde mit rosa Schleifchen in Disneyland. Weihnachten, Hündchen, igitt. Lieber hätte ich Besuch von ein, zwei Gespenstern, als mir zu dieser Stunde meine Probleme in THX Lautstärke anhören zu müssen. Einmal im Monat kommen die Höllenstunden mit Bonusmaterial, dem Vollmond. Um drei Uhr hat er es soweit über den Himmel geschafft, dass er zentriert in meinem Dachfenster steht, ich nehme an, das Runde muss auch am Firmament ins Eckige. Da steht er dann, wie eine alte Discokugel, die ihren Glitter über die Jahre verloren hat und spotlightet mein Schlafzimmer. Ich will aber nicht tanzen, verdammt.

 

Nicht alleine ins Bett gehen macht die Sache übrigens auch nicht einfacher, beziehungsweise nur manchmal, ich sage nur ein Wort: Löffelchen. Hübscher Ausdruck, passt wie wie Löffelchen an Löffelchen im Besteckkasten, aha, heisst deshalb wohl auch im Englischen so, "spooning" nämlich. Englisch kann ich auch müde, aber was hab ich davon. Offensichtlich hat die ganze Welt ordentlichere Besteckschubläden als ich, meine Löffelchen fliegen einfach so herum, die Löffel übrigens auch, obwohl man von einem ausgewachsenen Löffel ein bisschen mehr Ordnung erwarten könnte. Ich bin genau wie meine Löffelchen, mir wird ein anderer Arm schnell mal zur Handschelle, wenn er über meinem Bauch zuschnappt. Was, wenn ein wildes Tier ins Schlafzimmer eindringt, eine Spinne zum Beispiel? Ich könnte nicht schnell genug die Flucht ergreifen, und auf die Herren Jäger und Sammler verlasse ich mich in so einem Fall lieber nicht. Ich meine, wenn die erstmal schlafen.

 

Schäfchen zählen klappt nicht, wie auch, so eine Schafherde ist ganz schön laut, kann doch kein Mensch einschlafen bei dem Krach. Rückwärtszählen fällt aus, ich kann keine Zahlen. Lesen geht immer, aber lesen ist nicht gleich schlafen. Ich bin noch nie über einem Buch eingeschlafen, ich bin auch noch nie auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen, auch früher nicht, als ich noch wusste, wie das geht. Mittlerweile wäre es mir egal, wenn ich beim Fahrrad absperren im Hinterhof wegdriften würde. Hauptsache es klaut keiner mein Rad und Hauptsache schlafen, verdammt. Aber gestern, gestern war ich SO kurz davor. Ich fiel schon runter, war zu schwer, mich schon wieder umzudrehen beziehungsweise rumzuwälzen, zuzudecken, freizustrampeln, kippte rüber, am Rand meines ersten Traumes warteten N. und B. auf mich, obwohl die sich gar nicht kennen. Sie redeten aufgeregt auf mich ein, aber ich war zu müde, ich verstand kein Wort. Also riss ich die Augen mit Gewalt wieder auf, um mich zu konzentrieren. Aus purer Höflichkeit. Bitte in Zukunft am Anfang meiner Träume etwas deutlicher sprechen oder lauter oder am besten erstmal gar nicht, beziehungsweise verdammt nochmal.  

Bekiffte Elfen helfen einem auch nicht weiter.

Think Pink! So lautete das Motto meines Abiturjahrgangs, ich weiss nicht mehr, warum wir das lustig fanden, aber es gab sogar entsprechende Aufkleber. Bestimmt war ich krank an dem Tag, an dem meine Klassenkameraden sich das ausdachten, denn ich hatte schon immer Probleme mit positivem Denken, und von Ausrufezeichen fühle ich mich bevormundet. Jetzt wurden für uns Menschen mit dem halbleeren Glas Millionen von Lebensratgebern vollgeschrieben. Das ist lobenswert, leider finde ich es meist hilfreicher, einfach noch ein volles Glas zu bestellen. Ausserdem weiss ich sowieso immer alles besser.

Ausser, wenn ich mal nicht alles besser weiss. Vielleicht deshalb stelle ich in letzter Zeit einen bedenklichen Hang zur Esoterik fest, Pendel, Horoskope, Handlinien – der Tag, an dem ich das erste Räucherstäbchen in der Wohnung anzünde kann nicht mehr fern sein. Falls jetzt jemand besorgt die Männer mit den Zwangsjacken an meine Adresse schicken möchte, bitte ich dringend, das zu unterlassen. Es würde mich dann doch sehr stören, wenn die klingeln und ich stünde ungeduscht und ungeschminkt, aber im Batikröckchen.

So oder so besteht dazu keinerlei Veranlassung, denn zwar suche ich meinen Seelenfrieden und die ein oder andere Antwort in Hippiekram, darf Euch aber sagen, dass es nicht klappt. Ich vermute, es liegt an meiner Einstellung. Mehr als einmal wurde mir in Krisenzeiten zum Beispiel schon verschwörerisch zugeflüstert, ich solle einfach beim Universum eine Bestellung aufgeben. Angeblich klappt sowas am besten mit Parkplätzen, geht aber auch für Liebe und was man sonst noch so braucht. Funktioniert nicht, ich habe es versucht. Zugegeben, "Her mit der Kohle, aber dalli" war nicht gerade die höflichste Wortwahl, und es half sicherlich nicht, dass ich dabei auch noch "Simples Visualisieren, uralter Hut" dachte. "Bitch" dachte sich das Universum, und liess geschwind ein "Leider nicht" auf alle Lose drucken. Einen Parkplatz vor der Tür brauche ich nicht, ich habe mein Auto vor zwei Jahren verkauft. Unter anderem, weil es nie Parkplätze vor der Tür gab.

Eine Exkollegin hat immer ihr Pendel in der Handtasche. Am meisten begeistert mich daran, dass sie es immer sofort findet. Seit man mehr als einen Lipgloss benötigt, um anständig durch den Tag zu kommen, haben Handtaschen groteske Grössen angenommen. So findet man zwar den Lipgloss nicht mehr, hat aber die Gewissheit, dass man jederzeit auch noch einen Zwergpinscher verstauen könnte. Vor kurzem hat besagte Kollegin zwei Fragen für mich ausgependelt, und die Antworten waren genau so, wie ich es hören wollte. Muss man sich mal vorstellen. Leider hatte ich Belangloses gefragt, mir fehlte der Mut, die wirklich wichtigen Dinge wissen zu wollen. Wenn da ein Nein kommt. Will man sich gar nicht vorstellen, die Konsequenzen. Hätte ich ein Pendel, ich würde jedesmal als letzte Frage ein "Du lügst doch, oder?" stellen. Dann hätte ich ein beleidigtes Pendel in der Handtasche unter dem Zwergpinscher rumliegen und wäre auch nicht weiter.

Ich kenne Menschen, die sehen immer und überall Zeichen. Ich habe bisher nur einmal ein Zeichen beziehungsweise vielmehr eine Aufforderung gesehen, aber auch nicht wirklich. Als ich in New York lebte, war eine Zeit lang ganz downtown Manhattan mit Aufklebern bepflastert, auf denen nicht "Think Pink!" stand, aber "Kinky, be all you can be", dankenswerterweise ohne Ausrufezeichen. Kinki ist mein Spitzname, ich aber fühlte mich trotzdem nicht angesprochen, ich dachte höchstens mal ein genervtes "Look, I'm fucking trying, okay?" Fast wie ein echter New Yorker. So respektlos sollte man auf keinen Fall mit Himmelszeichen umgehen, das rächt sich. Vermutlich wird sich das Karmarad, wenn es soweit ist, ein paarmal ratlos drehen, und mich dann als Käfer wiederkommen lassen. Als dicken kurzsichtigen Käfer, mit dem niemand spielen will. Als dicken kurzsichtigen Käfer, der eine Brille tragen muss, weil er keine Kontaktlinsen verträgt, und mit dem nicht einmal die anderen Brillenkäfer auf dem Schulhof spielen wollen. So wird mir geschehen, wenn ich die Zeichen weiterhin nicht zu würdigen weiss.

Wen kann ich noch fragen? Tarotkarten. Ich war auf der Suche nach Tom Sawyer und Huckleberry Finn, als sie mir aus dem Regal nicht in die Arme aber auf den Boden fielen. Wenn sie da schon mal gut gemischt liegen, dachte ich, aber auch hier fehlt mir jedes Verständnis. Zum einen gefallen mir die Motive nicht, die Karten sehen aus wie von einer bekifften Elfe gemalt, die begeistert auf ihre eigene Kreativität reingefallen ist. Ich kann derart pastellig verschwurbeltes Gekritzel nicht ohne Schmerzen ansehen, wahrscheinlich war ich in einem früheren Leben Grafikdesigner. Ein Käfer-Grafikdesigner. Mit Kassengestellbrille. Zum anderen sind Tarotkarten noch entscheidungsunfähiger als ich beim Anblick eines Sushi Menüs. Immer gibt es gut oder Katastrophe, oder so oder nee, vielleicht auch nicht, ich kann mir es mir also aussuchen. Das ist einerseits nicht schlecht, mir aber andererseits zu dumm. Wenn ich stundenlang im Schneidersitz auf dem kalten Boden die kompliziertesten Legesysteme, äh, lege, dann möchte ich gefälligst eine konkrete Antwort. Und nicht ein lapidares "Woher sollen wir das wissen, wir wurden von einer zugedröhnten Elfe gemalt."

Letzte Ausfahrt Horoskope. Ich lese sie alle, ich lese sie immer, nie stimmt auch nur ein Wort. Warum sonst bin ich immer noch nicht reich, und warum sonst rufen immer nur Menschen an, die behaupten, ich hätte Happy Digits, aber nie Hollywood? Vielleicht liegt es an meinem Aszendenten, oder kommt vom Rauchen, aber eigentlich verdächtige ich auch hier bekiffte Elfen, die hysterisch kichernd Löwe und Wassermann vertauschen. Immerhin liefert mir mein Horoskop in der Aprilausgabe der Vogue ein hübsches Schlusswort, ich zitiere: "Erheben Sie sich bitte von Ihrem Bett, und schieben Sie die Schwarten weg, die sich darauf stapeln, besonders all der esoterische Hokuspokus, den Sie seit Monaten konsumieren." Mach ich gerne. Weil das hier aber mein Text ist, gehört das letzte Wort nicht der Vogue, sondern mir. Und das vorletzte auch: Muss es nicht "besonders all DEN esoterischen Hokuspokus" heissen? Und: Ein Horoskop, das mir empfiehlt, den esoterischen Hokuspokus zu lassen, das ist ein bisschen wie ein Schnitzel, das mit einem vorwurfsvollen "Iss weniger Fleisch!" von meinem Teller hüpft.

Kind, Kerl, Karriere (als mich eine billige Alliteration in die Knie zwang)


Die unvorstellbar hohe Zahl, die so wenig zu mir passt, wie, sagen wir mal, ein dunkelblauer Blazer mit Goldknöpfen, kam schneller auf mich zu, als ich 'hier gibt’s nichts zu feiern!' schreien konnte. In einen dunkelblauen Blazer würde ich selbst unter Androhung von Gewalt nicht schlüpfen, und genausowenig hatte ich vor, mir dieses Alter anzuziehen. 40 passt mir nicht, ist mir zu gross, ich habe mich schliesslich nicht umsonst auf 34/36 runtergehungert. Angesichts der Tatsache, dass einige Menschen unter Eid schwören würden, mich auch schon in Leggings gesehen zu haben, möchte ich die Bemerkung mit dem dunkelblauen Blazer aber vorsichtshalber als äusserst gewagt verstanden wissen. Nicht, dass hinterher wieder alle mit dem Finger auf mich zeigen.

Natürlich traf es mich nicht aus heiterem Himmel, auch wenn ich nach wie vor von dieser Theorie überzeugt bin. Im Gegenteil, letztes Jahr schickte mir das Schicksal einen kleinen Vorgeschmack, was da an hausgemachten Selbstzweifeln auf mich zukommen würde, und zwar in Form eines 20-jährigen Abitreffens. Zum Üben, nehme ich an. Ich aber konnte damals die Zeichen noch nicht lesen und ich wollte auch gar nicht üben, ich wollte nur sehen, wer dick geworden war, oder wer doof. Natürlich war ich aufgeregt. Natürlich zog ich kurz Bilanz, tröstete mich dann aber vorerst mit der Tatsache, dass ich immerhin eine Hausratversicherung besitze, obwohl ich nicht wusste, ob sowas gilt. Weiter konnte ich nicht überlegen, meine einzige Sorge galt, schnell noch jemanden zu finden, der mir ein Kind macht. Oder mich heiratet. Oder mir einen 300.000 Euro p.a. Vertrag (Dienstwagen inklusive) zur Unterschrift vorlegt. Was man halt so braucht, für ein Abitreffen. Kein Kind, kein Kerl, keine Karriere, musste ich mir schlussendlich eingestehen, dann machte ich mir die Haare schön, und zog ein hübsches Kleid und sehr sehr hohe Schuhe an. Kaum zu glauben, aber damit kam ich locker durch. Damit, und mit sehr viel Bier. Danach aber sollte es erst losgehen, und zwar so richtig, und zwar schlimmer und schneller, als ich cool bleiben konnte. Soviele nicht gepflanzte Apfelbäume, soviele nicht gebaute Häuser, soviele Falten. Und kein Porsche weit und breit.

Warum aber dachte ich über Apfelbäume nach? Wozu brauche ich Apfelbäume, meine Mutter kann auch ohne meine Hilfe hervorragenden Apfelsstrudel zaubern. Warum fiel ich auf ein derart abgewracktes Klischee rein, ich gebe mir doch sonst auch Mühe, nicht so zu sein. Ich kaufe ja auch keine Diätmargarine, nur weil mir jemand vorsingt, ich könne dann so bleiben, wie ich bin. So bleiben! Sonst noch was! Meine Vermutung: Werbung. Genauer, TV-Werbung. Das mag wie ein billig hergeholter Grund scheinen, mir fällt halt aber gerade kein besserer ein. Ständig Reihenhaus mit Familie drin, oder Loft mit Küsschen hier und da, vor lauter heile lustige Welt weiss man nicht mehr, ob man nicht bald vors jüngste Gericht muss, weil immer noch kein SUV vor der Tür steht. Dochdoch, manchmal fall ich auf sowas rein. Kurz vor Torschluss wusste ich kaum noch, wo und wann oder ob überhaupt ich abbiegen wollte oder sollte. Schnell noch die Welt retten? Ein Kind adoptieren, um es 'Alaska Pineapple' zu nennen? Angelina Jolie um Rat fragen? Was weiss die schon, die ist ja auch noch so jung.

Torschlusspanik, lächerlich. Ich habe Toraufpanik, und dazu gibt es meines Wissens überhaupt noch keine Erkenntnisse, schon gar keine neuen, ich bin aber auch zu müde, um mich schlau zu machen. Wenn man einmal seine Jahreshoroskope nicht liest. Es sollte sich nämlich herausstellen, dass die 40 bei weitem nicht das Schlimmste ist, was mir gleich am Jahresanfang passieren sollte. Oder halt das Beste. Aber woher soll ich das jetzt schon wissen.


Die Visa Verschwörung, Abschweifen inklusive.

Jetzt denkt die eine oder der andere vielleicht, ich sei so eine, die immerzu shoppt. Es heisst 'shoppen' damit es leichter von der unsexy kleinen Schwester, dem Einkaufen, zu unterscheiden ist, nämlich so: man 'kauft' ein neues Kleid nicht 'ein', andersrum geht man Haferflocken nicht 'shoppen'. Tut man es doch, ist man einfach nur ein Mensch, der sich seltsam ausdrückt. Eine, die samstags energiegeladen das Haus verlässt, um gemeinsam mit der besten Freundin die Innenstadt leerzushoppen, eine Joghurettefrau. Danach trinken sie noch einen Kaffee, der sich meist recht zügig in fünf Weisswein mit Aperol verwandelt (Ihr könnt mich nicht zwingen, es 'Sprizz' zu nennen. Ihr könnt mich nicht zwingen!) Könnte ich fast verstehen, wenn man denkt, ich sei so eine.

Bin ich aber nicht. Zum einen fehlen mir sämtliche Features, die ein derartiges Wochenendverhalten auch nur im Ansatz ermöglichen. Wäre ich eine Joghurettefrau, müsste ich zum anderen nicht drei bis hundertmal nachsehen, ob der Herd aus ist, bevor ich das Haus verlasse. So eine trinkt Jacobs Krönung aus der Filterkaffeemaschine, welche meines Wissens nicht gleich die ganze Wohnung in Brand steckt, wenn man sie versehentlich mal anlässt. Shoppen halte ich aufgrund meines sehr dünnen Nervenkostüms nur mit mir selbst aus, und auch dann nicht immer. Beim Einkaufen hingegen lasse ich mich gerne begleiten, Supermarktpartner sind die besseren Einkaufszettel, oft kaufen die zufällig den Honig, den man selbst fast vergessen hätte, und was wäre das Leben ohne Honig? In Boutiquen klappt das leider ganz im Gegenteil, heisst es noch Boutique? Oder sagt man Laden, oder sagt man nur noch H&M? Im schlimmsten Fall berät die Begleitung, im allerschlimmsten Fall muss man die Begleitung beraten, am Ende kommt jeder ohne Honig heim. Für beides bin ich gänzlich ungeeignet, da zu ungeduldig und höflich und ausserdem selbst mein schlimmster Kritiker. Lieber möchte ich mich in einen Schneeball verwandeln, der Richtung Hölle geworfen wird, bevor ich noch einmal folgende Fragen beantworten muss: 'aber wann zieh ich das an?', 'aber brauch ich das wirklich?', 'ich bin fett, oder?' Erstens sollte man sich jeden Tag so anziehen, wie man sich fühlen will, solange die Antwort darauf nicht ständig 'Braut!' lautet. Zweitens woher soll ich wissen, ob ihr wirklich noch ein Kleid braucht, ich kenne euren Kontostand nicht. Fragen nach 'dick' beantworte ich nicht, ich bin selbst eine Frau, mich kriegt ihr nicht in die Endlosschleife. Alle diese Gespräche finden ausschliesslich statt, während halbbekleidete Weiber auf Zehenspitzen vor Spiegeln rumtänzeln. Was hat es damit auf sich? Unerfüllter Kindheits-Ballerinawunsch? Passt die Hose besser, wenn man auf Zehenspitzen kuckt? Warum probierte ich neulich sogar eine Mütze auf Zehenspitzen? Nie erklärt einem jemand die wirklich seltsamen Dinge.

So oder so shoppe ich nur einmal im Jahr, dann aber schnell und effektiv, Adjektive, die ich übrigens das ganze restliche Jahr nicht glaubhaft hinbekomme. Wie das geht habe ich waschechten New Yorkerinnen abgeschaut, die auch mal drei völlig identische schwarze Cashmere Rollkragenpullis zur Kasse tragen und mein Erstaunen mit einem abgeklärten 'you can never have too many black cashmere sweaters' parierten. Ich bin nicht sicher, ob das so wirklich stimmt und besitze deshalb vorsichtshalber nur einen einzigen Cashmerepulli. Also, nur einen in schwarz. Meine restlichen schicken Fetzen und unglaublichen Schuhe kaufe ich fast ausschliesslich in New York. Werde ich nach der Herkunft eines meiner dem Trend Lichtmillionen Jahre vorauseilenden Outfits befragt, antworte ich leicht gelangweilt mit 'Das? Ach. Brooklyn'. Die zugehörige nachlässige Handbewegung funktioniert leider noch nicht ganz flüssig, aber ich übe. Wo ist eigentlich mein 'Arrogante Zicke' T-Shirt? Ach so, hab ich an.

So auch dieses Jahr. Meine viel zu kurze Zeit in der Stadt war schon fast wieder vorbei, und man begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Fast jeden Abend kam ich ohne die 20-30 Hochglanztüten, an denen ich sonst leicht zu erkennen bin, nach Hause, dafür aber sehr beschwingt oder/und betrunken. Es stimmt übrigens, dass New York einen auch ganz ohne Alkohol besoffen macht, was nicht stimmt, ist dass dort überhaupt nie geschlafen wird. 'I wanna wake up in a city that never sleeps', da irrt Frankieboy, denn wenn er da aufwacht hätte er ja geschlafen, somit hat zumindest schonmal einer da geschlafen, und dann zappt das ganze ja schon gar nicht mehr. Fragt mich ruhig, wenn ihr noch was wissen wollt. Das freudig-neugierige 'showme showme showme', mit dem mich meine Gastgeberin immer erwartete, erstarb allabendlich in einem erbärmlichen 'What? Nothing??' Mehr als einmal sah sie dabei aus, als wolle sie gleich meine Temperatur messen.

Tatsächlich hatte ich noch nichts für meinen eigenen Kleiderschrank erworben, ausser einem ipod, der ja nun in einem Kleiderschrank nichts zu suchen hat und sich ausserdem vorerst als nutzlos herausstellen sollte. Der weisse alte 20GB zeigte sich beim Anblick des neuen silbrig glänzenden 80GB nämlich derart eifersüchtig, dass er seither wieder tadellos funktioniert. Ganz wie bei den Menschen halt auch. Viel Zeit und noch mehr Geld ging für die Bestellungen der Lieben daheim drauf. Man verstehe mich nicht falsch, ich bringe gerne Gewünschtes mit, sofern man genügend Ausrufezeichen dahinter klebt, 'bei uns überhaupt noch gar nicht erfunden!' zum Beispiel. Auch '100 Euro billiger, umgerechnet!!' leuchtet mir ein, und wenn Euch eine Gesichtscreme für 250 Dollar glücklich macht, meinetwegen, was immer Euer Boot rockt, gerne. Ansonsten möchte ich darauf hinweisen, dass es in Zeiten des Online Shoppings dort nichts gibt, wofür hier der Postbote nicht auch so tun könnte, als hätte er geklingelt, bevor er den Abholschein in den Briefkasten wirft und mal ehrlich, was braucht man schon wirklich, ausser Honig und einem iPhone? Auch ich begann, mir Sorgen zu machen, vor allem weil mich eine unbekannte Macht häufiger in Delis und Supermärkte zog als in Designertempel. Die Versuchung, meinen Koffer mit Cinnamon Raisin Bread zu füllen anstatt mit Kinki's neuen Kleidern war gross. Davon abgehalten hat mich Marc Jacobs, denn wenn ich zuviel süsses Brot esse passe ich nicht mehr in seine Klamotten. So ergibt doch noch immer alles seinen Sinn auf der Welt, wenn man ich ist.

Ich beschloss, dass eine Frau tun muss, was eine Frau tun muss, wenn das Rückflugticket mit dem Countdown begonnen hat, und zog wild entschlossen in eigener Mission los. Es hätte mich stutzig machen können, dass meine Kreditkarte schon im ersten Laden nicht mehr glatt durchging. Ich aber zuckte unbeteiligt die Schultern, trommelte ungeduldig auf der Theke und fand, dass es nicht auch noch mein Problem sei, wenn das Kartenlesegerät spinnt. Nach diversen Versuchen, die dem Verkäufer weit peinlicher waren als mir, tat meine Visa schliesslich doch noch das, wozu sie auf der Welt ist, mir einen Therapeuten ersparen, nämlich. Ich machte mir nicht weiter Gedanken. Bis es so weiterging, dann schlimmer wurde und schliesslich in meinem ganz persönlichen Supergau bei Barneys, Konsumtempel for the utterly fearless, gipfelte. Ich wollte lediglich ein völlig überflüssiges Designer-Accessoire erstehen, stattdessen musste ich meine Kreditwürdigkeit vor einer 5th Avenue Verkäuferin rechtfertigen, die aussah, als könnte sie mit einem einzigen Wimpernschlag Angelina Jolie vom Planeten fegen. Warum Sie hinter der Kasse bei Barneys stand und nicht auf irgendeinem roten Teppich, ich kann mir auch nicht alles erklären. 'There seems to be a problem with your card' sprach sie, aber das kannte ich ja nun schon, ich kann mir halt nur dieses 'Hoffnung stirbt zuletzt' Prinzip nicht abgewöhnen. Ich tat überrascht und ansonsten erstmal gar nichts, ich hatte ja nun schon Übung. Sie versuchte es wie beabsichtigt noch einmal, starrte dabei angestrengt auf ihren Kassenscreen und hätte sicherlich auch ihre perfekt geschwunge Augenbraue hochgezogen, würde Botox solche Ausfälligkeiten erlauben. Mir wurde ein bisschen ungemütlich, aber noch nicht schlimm. 'Martina Kink, 55 West 74th Street, that still correct?' sprach sie nun in einem Ton, von dem jeder Immigration Officer am JFK noch was in Sachen Einschüchterung lernen könnte. Mich allerdings schüchterte sie damit nicht im Geringsten ein, mich zerknüllte sie damit in ihrer perfekt manikürten Hand. 55 West 74th ist meine alte Adresse, sämtliche New York Erinnerungen verwandeln mich auf der Stelle in ein wehmütiges Etwas, sie muss es geahnt haben, sie wollte mich umbringen. Das hätte sie auch mit ihren perfekt glänzenden superglatten Haaren geschafft, die ich immerzu anstarren musste, dazu musste sie nicht derart hinterhältige Waffen rausholen. Ich wollte nun meinerseits gerne die Stirn runzeln, hatte es aber leider mit einem faustgrossen Kloss im Hals zu tun. Kurz versuchte ich, die Situation mit einem 'das ist mir ja noch nie passiert' Gesichtsausdruck zu retten, scheiterte kläglich, und zahlte das hübsche Designerding cash. La Bitch wünschte mir dann auch noch einen schönen Tag.

Um mich von der Schmach zu erholen, tat ich das einzig richtige: Ich beschloss, woanders Schuhe zu kaufen, ach, wär ich doch nur immer so hartnäckig. Man möchte fast ahnen, was geschah, aber diesmal hatte ich Glück in Form einer grenzenlos superen Verkäuferin, die sich nicht zu schade war, stundenlang in der Telefonhotline meiner Bank zu hängen, um somit doch noch zwei Paar Stiefel auf meine kranke Karte zu buchen. Sie entliess mich lächelnd mit einem verständnisvollen 'It happens. Have you been using that card a lot?' Ich hatte nicht genug Kraft, ihr die Geschichte der 250 Dollar Creme und diverser anderer Mitbringsel zu erklären, deshalb bedankte ich mich überschwänglich und schleppte endlich Hochglanztüten nur für mich nach Hause. Ganz bestimmt hatte ich erhöhte Temperatur.

Ein Anruf bei der Bank ergab, dass meine Karte einen Kreditrahmen besitzt, in Größe XXS, der eigentlich mit den Flugkosten schon fast gesprengt war. Ich war baff. Zwar wusste ich, dass meine Naivität kaum Grenzen kennt, dass es aber schon so weit war, war mir neu. Man lernt nie aus über sich selber. Ich hatte diesen Rahmen selbstverständlich nie festgelegt, denn dann gäbe es ihn ja gar nicht. Zudem meine ich mich zu erinnern, dass Rahmen da sind, um gesprengt zu werden, oder waren das Ketten? Auf dem Heimflug fand ich mich übrigens aufgrund eines Air France Streiks gestrandet zwischen American Airlines und London Heathrow, ohne nennenswert Cash plus kaputter Kreditkarte. So lernte ich ausserdem, dass man auch ohne Geld auf einen ausgebuchten Flug nach München kommt, wenn man nur glaubhaft mit Tränen droht.

Euch bring ich nichts mehr mit.

Glei a Watschn.

Ich fange jetzt schon mal an, obwohl es noch gar nicht angefangen hat, meine Rumgrantelzeit ist knapp bemessen in diesem Herbst, aber ich hege die zarte Hoffnung, dass sich das Schlimmste vielleicht im Vorfeld verhindern lässt. Allerdings glaube ich in schwachen Momenten auch noch an die Liebe, von daher.

Es heisst Oktoberfest oder Wiesn, meine Damen, es heisst nicht 'die Wiese' und es heisst vor allem und schon gar nicht Fasching oder Karneval. Ich möchte zu gerne heute schon die Mehrheit der weiblichen Oktoberfestbesucher dazu verdonnern, obigen Satz dreihundertmal mit Kreide an eine Tafel zu quietschen. Weil aber selten jemand macht, was ich sage, erkläre ich es kurz hier und umständlich aber trotzdem ein für allemal.

Das Oktoberfest heisst Oktoberfest weil es im September in München stattfindet, und nicht im Februar in Köln oder Düsseldorf. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Menschen 'ein Prosit!' plärren und nicht etwa 'Alaaf!' Ein Dirndl ist kein Clownkostüm sondern eine Tracht und steht für Bayern Berge Brauchtum. Wer davon nichts versteht ziehe sich bitte an wie sonst auch, es ist genug Bier für alle da, versprochen, man muss sich nicht als Bayer verkleiden. Ganz Australien stünde ja draussen vorm Zelt, ausserdem bekommt man im T-Shirt weit leichter die Hände zum Himmel als in einer doch sehr engen Dirndlbluse.

Die letzten 20 Jahre und bis heute nannte selbst ich kein Dirndl mein eigen, dabei besitze ich wirklich alle Kleider, die es gibt auf der Welt und bin quasi qua Geburt berechtigt, eines zu tragen. Oder halt Skischuhe. Ich komme aus den Bergen, ich war im Alpenverein, ich spreche ein Bayrisch, dessen 'R' sich selbst in meinem lupenreinen Hochdeutsch nur schwer verbergen lässt und ich kann Dirndldrahn, werde jetzt aber nicht erklären, was das ist und weiss auch nicht, wie man es richtig schreibt. Auch ich mache mich gerne mal über meine bayrische Herkunft lustig, ich aber darf das, siehe oben. Alle anderen halten sich bitte zurück, es sei denn, sie waren mit mir im Alpenverein oder gehören zum grossen Kreis derer, die mir damals den Schorschi ausgespannt haben.

Die letzten Jahre war ich in Jeans und T-Shirt auf dem Oktoberfest, weil ich weissblau zu würdigen weiss und wenn schon denn schon, es mangelte mir halt meist am denn schon, denn ein ehrliches Dirndl braucht Geld und Zeit und Busen. Über 'schön' lässt sich immer streiten, mei, da hat halt a jede einen anderen Geschmack. Was aber auf keinen Fall zur Diskussion steht ist das Drumrum. Ich schreibe es jetzt nochmal zum Mitschreiben: Ein Dirndl ist keine Verkleidung. Es braucht keine Heidizöpfe, es braucht keine roten Bäckchen, man muss die Lieblingsbands nicht via Buttons auf der Dirndlbluse kundtun, im Bierzelt geht jeder noch so hervorragende Musikgeschmack sowieso sofort über Bord. Es braucht erst recht keine Chucks oder Stiefel oder Timberlands oder Netzstrümpfe untendrunter. Das einzige Adjektiv, das eine Frau im Dirndl dabeihaben sollte ist: sauber. Sauber gewaschen, sauber gekämmt, sauber innendrinnen. Und zwar bitte mindestens bis zur dritten Maß. Maß. Nicht Maas.

Ihr habt Glück, dass Euch meine Mama nicht sehen kann. 'Schamst Di gar ned' würd sie sagen, oder 'So gehst Du mir ned ausm Haus'. Sätze, die ich übrigens nie zu hören bekam, auch nicht wenn ich mit blauen Haaren und schwarzen Kutten im Dorf Semmeln holen ging. Beim Dirndl aber hört sich der Spass auf, ich bin nicht umsonst die Tochter meiner Mutter und ich sag es Euch nur einmal, jetzt schon, bevor ozapft is: Reissts Euch zamm. Die erste, die ich mit Leggings unterm Gwand erwisch: Glei a Watschn.


Bald kann ich Manhattan nachbauen, wenn ich mal Lust habe


Meine Bücher wohnen in Regalen, meine Schuhe auch, meine Designerklamotten fristen weit unter Niveau in einem Schrank ihr Dasein, meine Fotos, meine Briefe, meine Texte wohnen in Schachteln und im Laptop und im Internet, meine CDs in stapelbaren kleinen Kästchen, meine tausend Taschen in einem Spind, da, wo auch meine Mützen und Schals wohnen, meine Milch im Kühlschrank, meine Rechnungen im Briefkasten, mein Äffchen und mein Pferd, nein, Moment.

Denn genau das machen sie nicht, meine Sachen, meine Dinge. Sie breiten sich aus, sie quellen über, vermutlich proben sie die baldige Machtübernahme in der Wohnung. Und da ist es auch schon, mein Problem, schon wieder ein Problemchen, hört das denn nie auf. Wie soll Zucht und Ordnung unter den Dingen herrschen, wenn Platz durch Wände (Mauer) und Wände (Regale) begrenzt ist, die Sachen aber, und das liegt ja nun in der Natur der Schuhe, immer mehr werden? Wie, auch mal was wegwerfen?

Am schlimmsten sind die Bücher. Irgendwann habe ich sie auch in dieser Wohnung in Regale gestellt, nur von Ordnung oder gar Logik kann dabei nicht die Rede sein. Es gibt bei mir nur eine grobe Unterteilung: hier die englischen, da die deutschen. Bildbände liegen auf dem Boden, meine vier Geburtstagsgeschenkkochbücher stehen in der Küche, Reiseführer lese ich nicht, Lebensratgeber lese ich erst recht nicht, ich weiss sowieso alles besser. Ansonsten achte ich nur darauf, dass wenigstens die Autoren beinander stehen beziehungsweise so hätte ich es gerne, aber da geht es ja schon los. Ich sage nur: Jedes Regalbrett hat ein Ende und nicht jeder ist so berechenbar wie Frau Rowling. Manchmal fällt einem der vielen Bücherschreiber nach Jahren der Stille doch noch eine ganze Geschichte ein (Parker bitte von den Toten auferstehen, Frau Parker bitte!) und bei mir ist aber mittlerweile kein Platz mehr, da, wo sie hingehören täten. Und dann? Das ganze Regal ausräumen? Nach unten weiterräumen, um so oben noch Platz für eins mehr zu schaffen? Man würde ja nicht mehr fertig, kann ich ja gleich Sisyphos heiraten.

So kommt es, dass manche meiner Bücher nicht mehr bei ihren Geschwistern im Regal liegen, sondern im anderen Regal im anderen Zimmer. Natürlich finde ich mittlerweile gar nichts mehr und kann nicht im sorgenfreien Wissen, dass Autorenwerke lückenlos vorhanden sind, selig einschlafen. Verleihen ist ganz schwierig, ausser, das Gewünschte ist brandneu, also für mich jetzt, denn dann ist es im Stapel neben dem Bett oder der Couch zu finden. Wahrscheinlich. Jedenfalls ist Regalplatz bei mir jetzt endgültig alle und alles, was neu dazukommt, muss sich mit noch verfügbaren freien Oberflächen begnügen. Bald kann ich Manhatten nachbauen, wenn ich mal Lust habe.

Ich könnte einen grauen Sonntag mal zum Anlass nehmen, da System rein und Staub rauszubringen. Könnte ich schon. Ich habe das sogar mal gemacht. Ich habe einmal die Bücher aus den Regalen gezogen, nicht aus Langeweile sondern aus Wut, und selbstverständlich alle auf einmal. Ich mache sowas nie wieder, schneller kann man den Lebensmut nicht verlieren. LebensmuSt stand erst hier, und so schnell kann man übrigens auch Angst vor den eigenen Vertippern bekommen. Umzüge eignen sich für derartige Kleingeisterei erst recht nicht, ich bin schon oft umgezogen und weiss, wie schnell Nerven und Geduld da lieber Bier trinken gehen. Wie soll man sich ausgeklügelte Findesysteme für Bücher überlegen, man hat ja genug damit zu tun, sich Findesysteme für Geld einfallen zu lassen. Alphabetisch stinkt übrigens, falls mir jetzt jemand helfen möchte, und ausserdem brauche ich kein System (hab ich doch, deutsch/englisch!), ich brauche lediglich mehr Regalplatz, gleichzeitig machen mich übermöblierte Wohnungen nervös. Was soll ich nur machen? Ich könnte über das nächste Übel schimpfen.

Die Musik, nämlich. Auch CDs wollen übersichtlich verstaut sein, dauernd muss man irgendwas irgendwo reinräumen, eigentlich wär mir alles virtuell lieber. Nein, stop, ich nehms zurück. Auch hier seit immer nur grobe Unterteilung: hier Soul, da Hip Hop, dort Gitarrengeschrammel, drunter alles, wofür ich keinen Oberbegriff kenne, schliesslich bin ich kein Plattenladen. Was soll ich groß rumschreiben, Nick Hornby hat schon alles zum Thema Ordnung und Liebeskummer in Plattensammlungen gesagt, aber hat es mir was gebracht? Nein, hat es nicht. Musiker sind regaltechnisch mindestens so schlimm wie Schriftsteller, dauernd kommt was Neues, ich aber habe leider unter 'unterernährter amerikanischer Singer/Songwriter' keinen Platz mehr. So stapeln sich auch CDs wirr, und alles was jetzt noch genügend Gnade in meinen Ohren findet, um nicht nur als mp3 daherzukommen, muss sich mit noch verfügbaren Oberflächen begnügen. Bald kann ich Manhattan nachbauen, wenn ich mal Lust habe. Über meine Platten möchte ich nicht sprechen, mein Plattenspieler kam mir vor vielen Jahren abhanden, das vorhandene Vinyl lehnt an der Wand unter der Treppe. Zudem besitze ich nur eine höchst unbefriedigende Musikanhörausstattung, entweder es scheppert aus einer winzigen Kompaktanlage oder es scheppert aus dem Laptop, und wie genau klingt nochmal Bass? Bisher hat sich noch jeder, der sich mit sowas auskennt, bei diesem Anblick auf der Stelle umgebracht. Ich weiss ehrlich gesagt auch nicht, wie ich damit leben kann.

Was hab ich noch? Schuhe, Taschen, Mützen, Kleider. Ich habe hier nur einen einzigen, dafür aber ausgesprochen weisen Rat: es darf im Schlafzimmer auf keinen Fall ein Stuhl oder Sessel stehen, Fernseher übrigens auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte. Ein Stuhl oder Sessel im Schlafzimmer bedeutet das sichere Ende, man wird nie wieder knitterfrei das Haus verlassen. Warum? Weil sich dort alles sammelt, was man von der Routine erschlagen mit letzter Kraft von sich streift oder halt betrunken grobmotorisch von sich wirft, vorausgesetzt man wird den BH los, ohne dass er sich ausweglos im T-Shirt verheddert und man Gefahr läuft, sich auch noch selbst zu strangulieren. Irgendwann kommt der Tag, an dem man das wegräumen muss, oder an dem man diesen einen grauen Schal braucht. Aufräumen kann man das Ganze übrigens relativ schnell, indem man einfach alles in den Wäschekorb wirft, dann allerdings will es irgendwann gewaschen werden. Seht Ihr, was ich meine? Es ist so ermüdend.

Meine Schuhe und Taschen sind ebenfalls schlecht erzogen, beides sammelt sich im Flur, weil es das letzte ist, was ich anziehe und das erste, was ich von mir werfe. Ich gehöre zu den wenigen Frauen, die jeden Tag eine andere Tasche benutzen können, ohne dabei andauernd irgendetwas vergessen zu haben. Nichts würde mich mehr irritieren als eine Handtasche, die zum Outfit passt, ausserdem kommen auf diese Weise alle mal an die frische Luft. Nur am Ende der Woche liegen sie dann da und wollen aufgeräumt werden, dito die Schuhe. Und man kann sie noch nicht mal einfach in die Waschmaschine werfen.

Was ich brauche ist ein Schloss. Was ich brauche sind begehbare Kleiderkammern, was ich brauche ist eine Zofe, was ich brauche ist eine Bibliothek, was ich brauche ist Google Appartment. Bis es soweit ist werden sich meine Sachen weiterhin einen Dreck um Regale scheren und mir das Leben umständlich machen. Allein im Kühlschrank herrscht Ordnung. Kinderspiel, der ist leer, und da ist es ja schon, mein nächstes Problemchen.


Du sollst den Beipackzettel lesen.

Ich bin zwei Moby Dicks, meine Knie haben die Größe von ungefähr Hawaii, meine Beine gleichen Baumstämmen, jede Jeans im Schrank würde lauthals lachen, könnten Jeans lachen. Ich kann mich nicht zwischen weinen oder rumzicken entscheiden, verstumme deshalb vollständig und also spricht auch niemand mehr mit mir. Das kann ich schon seit Kindergarten, ich muss meine Launen nicht lauthals kundtun, ich kann mir die Menschen allein mit Körperhaltung vom Leib halten. Ein großes Glück, man spart sich verlogene Erklärungen 'schau, ich bin einfach nur müde' und lästige Wiederholungen 'nein, schau, ich bin wirklich einfach nur müde'. Kollegen und Freunde umschiffen mich großräumig, schenken mir aber ab und zu zaghaftes Lächeln oder Kekse, nicht wissend, dass sie es damit noch schlimmer machen. Bitte jetzt nicht lieb zu mir sein, ich muss sonst heulen, aber lasst gefälligst die Kekse da. Auch eine trächtige Elefantenkuh muss irgendwann mal essen. Ich weiss, sie kommen in Frieden und können nichts dafür. Aber ich kann erst recht nichts dafür, verdammt nochmal.

Jeden Monat der gleiche Irrsinn, jeden Monat kann ich mich vierfünf Tage lang nicht entscheiden, ob ich dick oder doof bin oder nur dick oder nur doof, und ob mich überhaupt jemand lieb hat oder na kein Wunder, dick und doof wie ich bin. Gottseidank hat der Spuk jedesmal ein Ende, die Jeans passt wieder, das allerdings bezahlt man, also ich, mit Schmerzen. Ich habe schon bessere Deals gesehen. Genau hier brauche ich übrigens auch ein neues Wort für Schmerzen, Schmerzen klingt viel zu harmlos, es reimt sich ja sogar auf Herzen. Wenn mir da kurz jemand helfen könnte, ich gebe mal ein bisschen Hilfestellung, ja? Tapete abkratzen, Kopf gegen die Wand, lieber sterben, die Richtung. Kinder kriegen kann nicht schlimmer sein, nein, kann es nicht. Ich bin wirklich hart im Nehmen, man glaube mir das jetzt bitte mal so, aber wenn Kinder kriegen noch schmerzhafter ist, dann verstehe ich nicht, wo die ganzen Geschwisterchen herkommen, die Janina heissen. Derart dumm ist keine Frau, auch nicht die Dummen. Oder aber Mütter vergessen tatsächlich gleich wieder alles, dann wüsste ich allerdings gerne, wie das geht, Schmerzhaftes schnell vergessen. Schon komm ich vom Hundertsten ins Tausendste, jetzt bin ich schon bei Wehen und Geburten, da wollte ich ja gar nicht hin, da kenn ich mich ja gar nicht aus.

Es tut dann also erstmal weh (also sehr weh, ich warte immer noch auf Wortfindungshilfe, Kinder, der Text ist gleich zu Ende) was nicht so schlimm wäre, denn ich bin nicht nur zwei Moby Dicks, ich bin auch ein Uhrwerk und ticke pünktlich alle 28 Tage aus, könnt ihr gerne das Datum nach stellen, und deshalb verlasse ich das Haus niemals ohne Ibuprofen. Bis auf letzten Donnerstag, ich blöde Kuh. Jetzt darf man schonmal den Lippenstift vergessen, am Tage 28 ohne Ibuprofen dazustehen kommt allerdings einer mittleren Katastrophe gleich und antworte mir jetzt niemand mit 'lauf halt in die Apotheke' denn schon bei '…lauf' liege ich gekrümmt in der Ecke und kann beim besten Willen nicht mehr zuhören, weil ich mit dem Kopf gegen die Wand und lieber sterben usw usf. Dies bitte nicht mit Kranksein verwechseln, Kranksein kann jede Frau mit links, wir putzen dann erstmal das Bad, gehen einkaufen und wechseln die Bettwäsche, bevor wir uns darniederlegen, wenn wir nicht trotzdem ins Büro radeln. Mädchenbauchschmerzen kommen direkt aus der Hölle und dann geht tatsächlich gar nichts mehr, also ungefähr so, wie wenn Männer Schnupfen haben. Nur halt viel schlimmer.

Gottseidank habe ich Freunde, die nebst zaghaftem Lächeln und Keksen auch Schmerzmittel parat haben, Mädchen-Schmerzmittel, Buscopan nämlich. Hat man sich bereits drogenlos dreimal um den Schreibtisch gewickelt schluckt man alles, was auch nur annähernd Linderung verspricht. Ich schlucke. Und warte. Und krümme. Und fluche. Und spüre: Nada. Nüschte. Der pure Überlebensinstinkt treibt mich in die gleiche Apotheke, in der ich den Chef einst nach der Höchstgrenze Ibuprofen befragte. Er sah mich kurz von oben bis unten an, fand ich hätte eigentlich eh schon 800mg zuviel, ich aber hatte trotzdem noch Bauchschmerzen. Diesesmal verkaufte er mir mein Wundermittel ohne Besserwisserei, gab mir ein Glas Wasser, es ging mir dann zack besser und ich konnte heimfahren und schlafen. Ibuprofen, mein Schatz.

Einigermassen wiederhergestellt wollte ich trotzdem wissen, was beim fremden Schmerzmittel schiefgelaufen war, so hoch kann meine Toleranz schliesslich nicht sein, auch wenn mein Zahnarzt anderes erzählen könnte. Ich las aufmerksam den Buscopan Beipackzettel, obwohl ich nie Beipackzettel lese, ich bin zu ängstlich für Nebenwirkungen. Ich höre mir die Sicherheitsnummer im Flugzeug auch nie an, nicht, weil ich so ein gelangweilter Vielflieger bin, sondern weil ich sowieso schon so viel Angst habe. Ich kucke immer nur, ob auch ja eine Schwimmweste unter meinem Sitz ist, am Ende hatte die Flugbegleiterin ihre Tage und Krämpfe und hat ausgerechnet meine Schwimmweste vergessen. Was ich wirklich verstehen könnte, ich möchte nur nicht deshalb jämmerlich ertrinken. Ende vom Lied: Buscopan, die teure Pille, besteht aus Duboisia, und zwar nur. Duboisa, das ist irgendeine Pflanze, deren Name ja schon sowas von nach Zweifel klingt und sonst nichts, Bio halt, ganz ehrlich jetzt mal: Fuck off. Buscopan plus dagegen besteht aus Duboisa plus (ach so) Paracetamol, ich habe keine Ahnung, ob mir Paracetamol helfen würde, ich hatte ja aber auch die ohne plus Version erwischt. Ich habe also versucht, mein lieber tot sein mit einem Grüngewächs zu bekämpfen, ganz ohne Schmerzmittel, ich, die nicht mal Basilikum am Leben halten kann. Das ist in etwa so, wie wenn einem eine Wärmflasche gegen die Krämpfe angeboten wird, oder Kamillentee. Tropfen, heisser Stein, da lang. Oder wie wenn einem bei vollem Bewusstsein ein Bein amputiert wird, und man bekommt einen Zahnstocher zum Draufbeissen. Für gegen die Schmerzen. Süss.

Wie das dauert! Was das kostet!

Ich komme gerade aus meinem Badezimmer, das übrigens aussieht wie alle anderen Badezimmer auch, soll heissen: es ist zweifarbig. Im Bad wird fast jede zur Martha Stewart, deshalb herrschen dort meist zwei Farbtöne vor. Handtücher, Duschvorhang, Duschvorlagedings und manchmal sogar Wattestäbchen werden sorgfältig auf die Farbe der Fliessen abgestimmt. Die man sich leider nicht aussuchen kann, es sei denn, man ist Prinzessin und lebt in einem selbstgebauten Schloss. Ich erzähle das deshalb, weil mir gerade auffiel, wieviel Zeit man als Frau so im Bad verbringen muss, um einigermassen sauber gekämmt daherzukommmen. Sogar die Schneewittchens unter uns haben ab und zu dreckige Fingernägel, die brauchen zwar keine Wimperntusche, aber waschen müssen die sich auch. Ich spreche auch gar nicht vom Farbtopf, ich spreche nur von den ganz normalen Wartungsarbeiten. Wie das dauert! Was das kostet! Dabei gehöre ich noch zum Team Dusche, also zur schnellen Variante. Vollbad kann ich nicht, ich wohne im 5. Stock eines Münchner Altbaus, es dauert ungefähr 7 Stunden, bis das Wasser in der Wanne wenigstens meinen Bauch bedeckt. Nach circa 3 Minuten wird mir dann schwummrig und ich muss zusehen, dass ich es auf die Couch schaffe, bevor ich kollabiere und die nächste Stunde unbrauchbar bin. Soviel Zeit habe ich nicht. Vor allem aber vermeide ich Vollbäder, weil ich nicht 3 Tage lang mit Tod durch Kreislaufversagen in meiner Badewanne liegen will, bis sich endlich mal jemand denkt 'seltsam, die wollte aber schon lang nicht mehr auf ein Bier'. Dann muss die Polizei meine Wohnungstür aufbrechen, und wie sieht das denn dann aus.

Waschen, Rasieren, Cremen, Feilen sind bitteschön das Mindeste. Seit ich unlängst einen ganzen Abend unrasierte Frauenbeine an Sommerrock ertragen musste bin ich auch zu keinerlei Diskussion mehr bereit, ich brauche meine Toleranz für andere Sachen. Ja, es dauert und ja, danach hat man noch nicht mal die Wangen rot oder die Wimpern schwarz, aber es ist trotzdem gut investierte Zeit. Muss ja nicht gleich heisses Wachs sein, eine frische Klinge tuts doch auch und vor allem nicht so weh. Oft gehört aber nie verstanden habe ich in diesem Zusammenhang übrigens, wieso man sich im Winter oder wenn grad kein Schatz da ist, nicht rasiert. Deshalb hier gleich nochmal: Warum? Warum nicht immer smoothe Beine, Kerl oder Winter ja oder nein? Ich muss mich schon sehr wundern, und ich gehöre ganz bestimmt nicht zu der Sorte Frau, die den ganzen Aufwand 'nur für sich selbst' betreibt. Warum sollte ich mich in 8cm Absätzen durch den Tag quälen, wenn mir eh schon dauernd der Bus vor der Nase davonfährt? Schonmal im Bleistiftrock auf ein Moutainbike gestiegen? Das geht andererseits erstaunlich leicht, es darf einem halt nur nichts ausmachen, dass sich die ganze Nachbarschaft den Rest des Tages darüber unterhält, was man so drunter trägt: 'So sieht die gar nicht aus!' Ich mache das natürlich nicht, um nur mir selbst zu gefallen, ich mache das selbstverständlich, wie die meisten Frauen, für die anderen Weiber da draussen. Nur die wissen ein sauber gestyltes Outfit zu schätzen oder aber können still in sich rein 'kauf dir mal ne Haarkur' denken, wenn einem zum Beispiel weisse Leggings mit Puppenhandtasche in strohblond entgegenkommt. Machen wir uns nichts vor, Männer haben in der Beziehung zwar Augen aber keine Ahnung, sie erkennen den Unterschied zwischen Marc Jacobs und Pimkie nicht, manchmal glauben sie sogar, man sei ungeschminkt. Allein in die Schuhmode mischen sie sich neuerdings ein, wie ich höre kommen Ballerinas nicht so super an. Na! Das nenn ich mal Überraschung! Muss wirklich gerätselt werden, warum einem Mann Stilettos besser gefallen? Ich sage nein, und gebe der Männerwelt in einem weiteren Punkt recht: Man sollte schon ein bisschen auf den Gang achten, allerdings gilt das sowohl für Flipflops als auch für ab 6cm. So, wie man auf Absätzen nicht trampeln darf als würde man andauernd eine 10cm Stufe übersehen, so wenig darf man daherschlurfen, nur weil man was Bequemes anhat. Mit ein bisschen Konzentration läuft es sich selbst in Flipflops elegant. Haltung und Hüftschwung, Schwestern.

Auch schwierig: Frisuren. Haare waren schon immer das grünere Gras und werden es immer sein. Der Glaube, Kurzhaarschnitte seien pflegeleichter ist übrigens völlig falsch und liegt in den internationalen Irrtümercharts gleich hinter 'schlimmer kann es nicht kommen'. Es kann natürlich! noch schlimmer kommen, und nie hatte ich zerstörendere bad hair days als mit Kurzhaarschnitten, man muss ja nur aufwachen und schon ist alles zu spät. Ausserdem braucht es Tonnen von Stylingprodukten, die z.B. 'Rockhard' heissen oder ähnlich blöd, durch sowas will kein Kerl mehr zärtlich wuscheln. Lange Haare sind sehr viel einfacher, man wurschtelt morgens schlicht alles am Oberkopf zusammen und schlägt die Tür hinter sich zu (vorher kucken, ob der Herd aus ist!) Ab und zu wäscht und föhnt und lockenstabt man rum, weil man am Vorabend die Pantene Pro V Frau nicht schnell genug weggezappt hat. Dann trägt man offen, und zwar nur, um sich eine Stunde später völlig entnervt wieder einen schlampigen Zopf zu binden. Nach drei Stunden erinnert man sich, dass man ja frischgewaschene Locken featured, lässt das Haar runter und rennt den Rest des Tages mit einem ausgeleierten Haargummi von H&M ums Handgelenk rum. Sowas schlägt übrigens die schönste Uhr und das hübscheste Armkettchen tot.

Noch schwieriger: Farbe. Im Gesicht. Ich lebe seit Jahren mit einem tiefsitzenden Douglasverkäuferin Trauma und wische mir deshalb jedesmal mit einem Kleenex die Hälfte des Make-ups wieder runter. Nur bei Nagellackfarben darf man ausholen, soll ich zugeben, dass ich ca. 20 bunte Fläschlein davon habe? Das habe ich aus New York mitgenommen, wo man sich nicht selbst drum kümmern muss, man braucht nur eine Mittagspause und 10 Dollar. Der Aufwand lohnt aber in jedem Fall auch selbstgemacht, lackierte Nägel auf der Tastatur schreiben schönere Geschichten, und 10 rote kleine Fussnägel auf Strasse oder Wiese machen auf der Stelle gute Laune. Es muss auch nicht unbedingt rot sein, nur halt nicht blau oder grün oder gar schwarz, ich möchte ja nicht aussehen, als sei mir ein Klavier auf den nackten Fuss gefallen. Ausserdem dauert es nur halb solange, wie immer gejammert wird. Nagellack trocknet am besten vor einem der zwei Schirme und erzähle mir keine, sie würde nicht irgendwann mal eine halbe Stunde vor dem Fernseher oder dem Laptop sitzen. Das glaubt Euch doch niemand.

Vermutlich könnte ich die ganzen Tiegelchen in einen oder zwei Porsche umtauschen. Brauche ich das wirklich alles? Ich meine ja, ich bin aber auch keine 22 mehr, Autos sind mir wurscht und auf einer einsamen Insel bin ich auch nicht gestrandet. Vermutlich erwähnte ich es schon einmal, aber ich verstehe diese einsame Insel Partysmalltalkfrage nicht. Ich brauche immer alle meine Sachen um mich rum, deshalb habe ich sie doch gekauft. Nur auf der einsamen Insel, auf der Insel bräuchte ich nichts, nichts würde ich mitnehmen, gar nichts. Ganz allein auf einer Insel würde ich zwei Tage aufs Meer schauen, dann kurz diese Ananasdiät testen, danach würde ich mir zur Probe ein Palmenblatt um die schlanken Hüften schlingen, scheisse scheisse scheisse denken und mich von der nächsten Klippe den Haien zum Diätfrass vorwerfen. Lebt man an Orten, wo sich die Menschen angezogen mit ipod und Digitalkamera in den ersten und letzten U-Bahn Wagon drängeln, dann ist gepflegt und frischgeduscht schon ein bisschen angenehmer. Dabei helfen Cremes, die kosten halt nur, aber an irgendwas muss man sich ja klammern. Es gibt Tiegelchen, die kosten 270 Euro, und es gibt sogar Tiegelchen, die kosten 770 Euro, kein Scheiss. Auf einem Flughafen bekam ich mal ein Pröbchen einer solchen Creme in die Hand gedrückt. Leider hatte ich gerade nicht alle beisammen und schmierte mir das pure Gold sogleich zum Testen auf den Handrücken, obwohl es meinen Teint wahrscheinlich 2 Wochen lang hätte erstrahlen lassen. Dafür war meine Hand den Rest des Tages zum Knutschen. Als ich vor kurzem ob meines Alters hysterisch zu werden drohte, schenkte mir C., ein sehr lieber Freund und Kollege, aus reinem Selbstschutz ein Wundermittel, dass ich des nächtens auf meine tiefen Falten auftragen sollte. Es besteht aus Diamantenstaub und kostet ungefähr 30.000 Euro. Ich tat wie mir befohlen, und stand am nächsten Morgen schreiend und C. verdammend vor dem Spiegel, denn mein Gesicht hing in Fetzen, Freddy Krüger nichts dagegen. Es war zwar gottlob nur das Zeug, das einen weissen Film gebildet hatte, der sich löste, aber Wunder konnte ich keine entdecken. Bald bleibt nur noch Gift. Leider hält auch Botox nicht so ganz, was es verspricht. Es zeigt sich zwar eine faltenfreie Stirn- und Mundpartie, bei näherem Hinsehen aber fällt einem der eigene Hals gnadenlos in den Rücken.

Ich für meinen Teil creme erstmal weiter. Es riecht gut und macht weich.


kannst du mal schauen ob's bei mir brennt?


Freitag morgen liess ich das Rad am Marienplatz stehen und fuhr den Rest mit der U-Bahn, es hatte etwas mit einer Abendeinladung in Solln (weit draussen) und S-Bahn und Gewitterwolken zu tun und schien mir logisch, ich hatte aber auch nicht richtig nachgedacht. Einmal im Leben wollte ich planen, und was passiert? Genau.

In der U-Bahn musste ich natürlich nicht aufpassen, ob eines der panzerähnlichen Autos, die gerade die neuen Handtaschen sind, rechts abbiegt, ohne mein Radfahrer-Fluchen zu hören. Nur deshalb und wegen dem langweiligen Drumrum hatte mein Kopf genügend Zeit, ein 'Herdplatte?' rauszuholen. Hatte ich die Herdplatte ausgemacht? Ich wusste es nicht. Liess die Zeitung sinken, starrte bis zur Münchner Freiheit mein Spiegelbild in der U-Bahn Tür an und versuchte mich an die letzten Minuten in der Wohnung zu erinnern. Man hätte mir Glücklichsein bis ans Lebensende anbieten können, ich wusste trotzdem nicht mehr, ob ich die Espressomaschine runtergezogen und den Herd ausgemacht hatte. Dafür fiel mir ein, dass A. bald Geburtstag und ich immer noch kein Geschenk hatte. Im Büro angekommen schwankte ich noch viel mehr zwischen 'sowas macht man doch automatisch!' und 'Feuer!' Danach musste ich erstmal atmen und bis hier habe ich auch noch nicht erwähnt, dass ich ganz schön weit weg vom Schreibtisch wohne, wenn man mal verwöhnt rumtut. Mit dem Rad brauche ich sommeranfangs 20 Minuten, sommerends 10. Mit Bus und U-Bahn brauche ich 30 Minuten, immer, so eine U-Bahn zeigt ja keinerlei Trainingseffekt. Zurückfahren und den Rest des Tages beruhigt sein würde dauern, länger noch, weil das Rad ja gut geplant einmal nicht vor der Tür stand. Um der Feuerwehr und meinem Puls Zeit zu geben wählte ich erstmal meine Festnetznummer, warum weiss ich nicht, vielleicht wollte ich wenigstens eine eventuelle Herdexplosion live hören. Mein Anrufbeantworter bat um Nachricht nach dem Peep, war also noch nicht geschmolzenes Plastik, und so überlegte ich, wen ich schnell um Linderung meiner Panik bitten könnte. A. hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung, arbeitet aber auch anderswo. S. könnte mal eben aus ihrem Fenster nach rechts schauen, aber was hilft mir ein 'Scheisse, stimmt, bei Dir brennts!'. Sie hat ja keinen Schlüssel.

Ich musste schnell zurück, wie sonst hätte ich den Tag überlebt, aber kaum war ich draussen definierte sich 'schnell' völlig neu. Die nächste U-Bahn Richtung Marienplatz kam laut Anzeige in 5 Minuten und ich hatte nicht mehr genug Kraft, nervös auf und ab zu springen, zudem hatte ich nicht nur die Herdplatte sondern auch die passende Musik zuhause vergessen. Endlich im Zug quälten sich 4 Stationen wie sonst nur ein fehlgekauftes Buch, nach jedem 'nä ch st er ha lt' wollte ich den Schaffner mit einem 'okay, Giselastrasse, aber MEINE Wohnung BRENNT' von hinten umbringen. Es waren die längsten Minuten in meinem Leben, und ich schreibe das nicht einfach so daher wie sonst.

Als ich mein Rad endlich hatte ging es schnell, natürlich war der Herd aus (natürlich, sowas macht man doch automatisch), aber seither überlege ich, was ich aus meiner brennenden Wohnung zuerst retten würde, ich habe nämlich keine Katzen. Meine Fotos und Briefe sind in einer sehr schweren Kiste, mit der kann ich gar nicht schnell rennen, mich selbst hab ich immer dabei, und alle anderen wohnen ja nicht bei mir. Später am gleichen Tag wurden die Wolken noch sehr dunkelgrau und ich wusste nicht mehr, ob ich das Dachfenster im Schlafzimmer zugemacht hatte. Ich bin aber nicht nochmal zurückgefahren, ich war gerade in Solln (weit draussen), und ausserdem bin ich nicht aus Zucker und kann schwimmen.

My Photo

flickr

about