Bekiffte Elfen helfen einem auch nicht weiter.
Think Pink! So lautete das Motto meines Abiturjahrgangs, ich weiss nicht mehr, warum wir das lustig fanden, aber es gab sogar entsprechende Aufkleber. Bestimmt war ich krank an dem Tag, an dem meine Klassenkameraden sich das ausdachten, denn ich hatte schon immer Probleme mit positivem Denken, und von Ausrufezeichen fühle ich mich bevormundet. Jetzt wurden für uns Menschen mit dem halbleeren Glas Millionen von Lebensratgebern vollgeschrieben. Das ist lobenswert, leider finde ich es meist hilfreicher, einfach noch ein volles Glas zu bestellen. Ausserdem weiss ich sowieso immer alles besser.
Ausser, wenn ich mal nicht alles besser weiss. Vielleicht deshalb stelle ich in letzter Zeit einen bedenklichen Hang zur Esoterik fest, Pendel, Horoskope, Handlinien – der Tag, an dem ich das erste Räucherstäbchen in der Wohnung anzünde kann nicht mehr fern sein. Falls jetzt jemand besorgt die Männer mit den Zwangsjacken an meine Adresse schicken möchte, bitte ich dringend, das zu unterlassen. Es würde mich dann doch sehr stören, wenn die klingeln und ich stünde ungeduscht und ungeschminkt, aber im Batikröckchen.
So oder so besteht dazu keinerlei Veranlassung, denn zwar suche ich meinen Seelenfrieden und die ein oder andere Antwort in Hippiekram, darf Euch aber sagen, dass es nicht klappt. Ich vermute, es liegt an meiner Einstellung. Mehr als einmal wurde mir in Krisenzeiten zum Beispiel schon verschwörerisch zugeflüstert, ich solle einfach beim Universum eine Bestellung aufgeben. Angeblich klappt sowas am besten mit Parkplätzen, geht aber auch für Liebe und was man sonst noch so braucht. Funktioniert nicht, ich habe es versucht. Zugegeben, "Her mit der Kohle, aber dalli" war nicht gerade die höflichste Wortwahl, und es half sicherlich nicht, dass ich dabei auch noch "Simples Visualisieren, uralter Hut" dachte. "Bitch" dachte sich das Universum, und liess geschwind ein "Leider nicht" auf alle Lose drucken. Einen Parkplatz vor der Tür brauche ich nicht, ich habe mein Auto vor zwei Jahren verkauft. Unter anderem, weil es nie Parkplätze vor der Tür gab.
Eine Exkollegin hat immer ihr Pendel in der Handtasche. Am meisten begeistert mich daran, dass sie es immer sofort findet. Seit man mehr als einen Lipgloss benötigt, um anständig durch den Tag zu kommen, haben Handtaschen groteske Grössen angenommen. So findet man zwar den Lipgloss nicht mehr, hat aber die Gewissheit, dass man jederzeit auch noch einen Zwergpinscher verstauen könnte. Vor kurzem hat besagte Kollegin zwei Fragen für mich ausgependelt, und die Antworten waren genau so, wie ich es hören wollte. Muss man sich mal vorstellen. Leider hatte ich Belangloses gefragt, mir fehlte der Mut, die wirklich wichtigen Dinge wissen zu wollen. Wenn da ein Nein kommt. Will man sich gar nicht vorstellen, die Konsequenzen. Hätte ich ein Pendel, ich würde jedesmal als letzte Frage ein "Du lügst doch, oder?" stellen. Dann hätte ich ein beleidigtes Pendel in der Handtasche unter dem Zwergpinscher rumliegen und wäre auch nicht weiter.
Ich kenne Menschen, die sehen immer und überall Zeichen. Ich habe bisher nur einmal ein Zeichen beziehungsweise vielmehr eine Aufforderung gesehen, aber auch nicht wirklich. Als ich in New York lebte, war eine Zeit lang ganz downtown Manhattan mit Aufklebern bepflastert, auf denen nicht "Think Pink!" stand, aber "Kinky, be all you can be", dankenswerterweise ohne Ausrufezeichen. Kinki ist mein Spitzname, ich aber fühlte mich trotzdem nicht angesprochen, ich dachte höchstens mal ein genervtes "Look, I'm fucking trying, okay?" Fast wie ein echter New Yorker. So respektlos sollte man auf keinen Fall mit Himmelszeichen umgehen, das rächt sich. Vermutlich wird sich das Karmarad, wenn es soweit ist, ein paarmal ratlos drehen, und mich dann als Käfer wiederkommen lassen. Als dicken kurzsichtigen Käfer, mit dem niemand spielen will. Als dicken kurzsichtigen Käfer, der eine Brille tragen muss, weil er keine Kontaktlinsen verträgt, und mit dem nicht einmal die anderen Brillenkäfer auf dem Schulhof spielen wollen. So wird mir geschehen, wenn ich die Zeichen weiterhin nicht zu würdigen weiss.
Wen kann ich noch fragen? Tarotkarten. Ich war auf der Suche nach Tom Sawyer und Huckleberry Finn, als sie mir aus dem Regal nicht in die Arme aber auf den Boden fielen. Wenn sie da schon mal gut gemischt liegen, dachte ich, aber auch hier fehlt mir jedes Verständnis. Zum einen gefallen mir die Motive nicht, die Karten sehen aus wie von einer bekifften Elfe gemalt, die begeistert auf ihre eigene Kreativität reingefallen ist. Ich kann derart pastellig verschwurbeltes Gekritzel nicht ohne Schmerzen ansehen, wahrscheinlich war ich in einem früheren Leben Grafikdesigner. Ein Käfer-Grafikdesigner. Mit Kassengestellbrille. Zum anderen sind Tarotkarten noch entscheidungsunfähiger als ich beim Anblick eines Sushi Menüs. Immer gibt es gut oder Katastrophe, oder so oder nee, vielleicht auch nicht, ich kann mir es mir also aussuchen. Das ist einerseits nicht schlecht, mir aber andererseits zu dumm. Wenn ich stundenlang im Schneidersitz auf dem kalten Boden die kompliziertesten Legesysteme, äh, lege, dann möchte ich gefälligst eine konkrete Antwort. Und nicht ein lapidares "Woher sollen wir das wissen, wir wurden von einer zugedröhnten Elfe gemalt."
Letzte Ausfahrt Horoskope. Ich lese sie alle, ich lese sie immer, nie stimmt auch nur ein Wort. Warum sonst bin ich immer noch nicht reich, und warum sonst rufen immer nur Menschen an, die behaupten, ich hätte Happy Digits, aber nie Hollywood? Vielleicht liegt es an meinem Aszendenten, oder kommt vom Rauchen, aber eigentlich verdächtige ich auch hier bekiffte Elfen, die hysterisch kichernd Löwe und Wassermann vertauschen. Immerhin liefert mir mein Horoskop in der Aprilausgabe der Vogue ein hübsches Schlusswort, ich zitiere: "Erheben Sie sich bitte von Ihrem Bett, und schieben Sie die Schwarten weg, die sich darauf stapeln, besonders all der esoterische Hokuspokus, den Sie seit Monaten konsumieren." Mach ich gerne. Weil das hier aber mein Text ist, gehört das letzte Wort nicht der Vogue, sondern mir. Und das vorletzte auch: Muss es nicht "besonders all DEN esoterischen Hokuspokus" heissen? Und: Ein Horoskop, das mir empfiehlt, den esoterischen Hokuspokus zu lassen, das ist ein bisschen wie ein Schnitzel, das mit einem vorwurfsvollen "Iss weniger Fleisch!" von meinem Teller hüpft.
Ein Käfer-Grafikdesigner. Mit Kassengestellbrille.
Mit roter Kassengestellbrille.
Ich sehe du beginnst deinen Arbeitsspeicher zu entruempelt. Das freut.
Posted by:sista_a | April 19, 2008 at 06:00 PM
schweizer sprichwort: mit 40 wird man esoterisch oder sportlich.... ich hoffe auf alternativen...
Posted by:Niki | April 19, 2008 at 08:32 PM
Ja, Liebe beim Universum bestellen funktioniert sowas von ü-ber-haupt garnicht! Sonst hätte ich schon längst zumindest eine Freundin ... *seufz*
Und von den meisten Esoterikkram kriege ich auch eher Lachkrämpfe als Hilfe. Zumal das für einen Ingenieur eh keine wirkliche Alternative ist. *kopfschüttel*
Posted by:muh-muh | April 20, 2008 at 04:02 PM
Wow, super! Du schreibst echt gut! Kompliment! Du solltest unbedingt beruflich damit durchstarten.
Grüße
Claudia
(bfz - April 08)
Posted by:Claudia Rech | May 06, 2008 at 07:11 PM
Das einziege Horoskop, dem ich Glauben entgegen bringe, ist das Horoskop aus der New Yorker Village Voice von Rob Brezny. Vieleicht solltest Du das mal probieren, du kannst es auch als Newsletter bestellen, und dich wöchentlich überraschen lassen.
Posted by:Seth | May 20, 2008 at 08:21 AM