Die Visa Verschwörung, Abschweifen inklusive.
Jetzt denkt die eine oder der andere vielleicht, ich sei so eine, die immerzu shoppt. Es heisst 'shoppen' damit es leichter von der unsexy kleinen Schwester, dem Einkaufen, zu unterscheiden ist, nämlich so: man 'kauft' ein neues Kleid nicht 'ein', andersrum geht man Haferflocken nicht 'shoppen'. Tut man es doch, ist man einfach nur ein Mensch, der sich seltsam ausdrückt. Eine, die samstags energiegeladen das Haus verlässt, um gemeinsam mit der besten Freundin die Innenstadt leerzushoppen, eine Joghurettefrau. Danach trinken sie noch einen Kaffee, der sich meist recht zügig in fünf Weisswein mit Aperol verwandelt (Ihr könnt mich nicht zwingen, es 'Sprizz' zu nennen. Ihr könnt mich nicht zwingen!) Könnte ich fast verstehen, wenn man denkt, ich sei so eine.
Bin ich aber nicht. Zum einen fehlen mir sämtliche Features, die ein derartiges Wochenendverhalten auch nur im Ansatz ermöglichen. Wäre ich eine Joghurettefrau, müsste ich zum anderen nicht drei bis hundertmal nachsehen, ob der Herd aus ist, bevor ich das Haus verlasse. So eine trinkt Jacobs Krönung aus der Filterkaffeemaschine, welche meines Wissens nicht gleich die ganze Wohnung in Brand steckt, wenn man sie versehentlich mal anlässt. Shoppen halte ich aufgrund meines sehr dünnen Nervenkostüms nur mit mir selbst aus, und auch dann nicht immer. Beim Einkaufen hingegen lasse ich mich gerne begleiten, Supermarktpartner sind die besseren Einkaufszettel, oft kaufen die zufällig den Honig, den man selbst fast vergessen hätte, und was wäre das Leben ohne Honig? In Boutiquen klappt das leider ganz im Gegenteil, heisst es noch Boutique? Oder sagt man Laden, oder sagt man nur noch H&M? Im schlimmsten Fall berät die Begleitung, im allerschlimmsten Fall muss man die Begleitung beraten, am Ende kommt jeder ohne Honig heim. Für beides bin ich gänzlich ungeeignet, da zu ungeduldig und höflich und ausserdem selbst mein schlimmster Kritiker. Lieber möchte ich mich in einen Schneeball verwandeln, der Richtung Hölle geworfen wird, bevor ich noch einmal folgende Fragen beantworten muss: 'aber wann zieh ich das an?', 'aber brauch ich das wirklich?', 'ich bin fett, oder?' Erstens sollte man sich jeden Tag so anziehen, wie man sich fühlen will, solange die Antwort darauf nicht ständig 'Braut!' lautet. Zweitens woher soll ich wissen, ob ihr wirklich noch ein Kleid braucht, ich kenne euren Kontostand nicht. Fragen nach 'dick' beantworte ich nicht, ich bin selbst eine Frau, mich kriegt ihr nicht in die Endlosschleife. Alle diese Gespräche finden ausschliesslich statt, während halbbekleidete Weiber auf Zehenspitzen vor Spiegeln rumtänzeln. Was hat es damit auf sich? Unerfüllter Kindheits-Ballerinawunsch? Passt die Hose besser, wenn man auf Zehenspitzen kuckt? Warum probierte ich neulich sogar eine Mütze auf Zehenspitzen? Nie erklärt einem jemand die wirklich seltsamen Dinge.
So oder so shoppe ich nur einmal im Jahr, dann aber schnell und effektiv, Adjektive, die ich übrigens das ganze restliche Jahr nicht glaubhaft hinbekomme. Wie das geht habe ich waschechten New Yorkerinnen abgeschaut, die auch mal drei völlig identische schwarze Cashmere Rollkragenpullis zur Kasse tragen und mein Erstaunen mit einem abgeklärten 'you can never have too many black cashmere sweaters' parierten. Ich bin nicht sicher, ob das so wirklich stimmt und besitze deshalb vorsichtshalber nur einen einzigen Cashmerepulli. Also, nur einen in schwarz. Meine restlichen schicken Fetzen und unglaublichen Schuhe kaufe ich fast ausschliesslich in New York. Werde ich nach der Herkunft eines meiner dem Trend Lichtmillionen Jahre vorauseilenden Outfits befragt, antworte ich leicht gelangweilt mit 'Das? Ach. Brooklyn'. Die zugehörige nachlässige Handbewegung funktioniert leider noch nicht ganz flüssig, aber ich übe. Wo ist eigentlich mein 'Arrogante Zicke' T-Shirt? Ach so, hab ich an.
So auch dieses Jahr. Meine viel zu kurze Zeit in der Stadt war schon fast wieder vorbei, und man begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Fast jeden Abend kam ich ohne die 20-30 Hochglanztüten, an denen ich sonst leicht zu erkennen bin, nach Hause, dafür aber sehr beschwingt oder/und betrunken. Es stimmt übrigens, dass New York einen auch ganz ohne Alkohol besoffen macht, was nicht stimmt, ist dass dort überhaupt nie geschlafen wird. 'I wanna wake up in a city that never sleeps', da irrt Frankieboy, denn wenn er da aufwacht hätte er ja geschlafen, somit hat zumindest schonmal einer da geschlafen, und dann zappt das ganze ja schon gar nicht mehr. Fragt mich ruhig, wenn ihr noch was wissen wollt. Das freudig-neugierige 'showme showme showme', mit dem mich meine Gastgeberin immer erwartete, erstarb allabendlich in einem erbärmlichen 'What? Nothing??' Mehr als einmal sah sie dabei aus, als wolle sie gleich meine Temperatur messen.
Tatsächlich hatte ich noch nichts für meinen eigenen Kleiderschrank erworben, ausser einem ipod, der ja nun in einem Kleiderschrank nichts zu suchen hat und sich ausserdem vorerst als nutzlos herausstellen sollte. Der weisse alte 20GB zeigte sich beim Anblick des neuen silbrig glänzenden 80GB nämlich derart eifersüchtig, dass er seither wieder tadellos funktioniert. Ganz wie bei den Menschen halt auch. Viel Zeit und noch mehr Geld ging für die Bestellungen der Lieben daheim drauf. Man verstehe mich nicht falsch, ich bringe gerne Gewünschtes mit, sofern man genügend Ausrufezeichen dahinter klebt, 'bei uns überhaupt noch gar nicht erfunden!' zum Beispiel. Auch '100 Euro billiger, umgerechnet!!' leuchtet mir ein, und wenn Euch eine Gesichtscreme für 250 Dollar glücklich macht, meinetwegen, was immer Euer Boot rockt, gerne. Ansonsten möchte ich darauf hinweisen, dass es in Zeiten des Online Shoppings dort nichts gibt, wofür hier der Postbote nicht auch so tun könnte, als hätte er geklingelt, bevor er den Abholschein in den Briefkasten wirft und mal ehrlich, was braucht man schon wirklich, ausser Honig und einem iPhone? Auch ich begann, mir Sorgen zu machen, vor allem weil mich eine unbekannte Macht häufiger in Delis und Supermärkte zog als in Designertempel. Die Versuchung, meinen Koffer mit Cinnamon Raisin Bread zu füllen anstatt mit Kinki's neuen Kleidern war gross. Davon abgehalten hat mich Marc Jacobs, denn wenn ich zuviel süsses Brot esse passe ich nicht mehr in seine Klamotten. So ergibt doch noch immer alles seinen Sinn auf der Welt, wenn man ich ist.
Ich beschloss, dass eine Frau tun muss, was eine Frau tun muss, wenn das Rückflugticket mit dem Countdown begonnen hat, und zog wild entschlossen in eigener Mission los. Es hätte mich stutzig machen können, dass meine Kreditkarte schon im ersten Laden nicht mehr glatt durchging. Ich aber zuckte unbeteiligt die Schultern, trommelte ungeduldig auf der Theke und fand, dass es nicht auch noch mein Problem sei, wenn das Kartenlesegerät spinnt. Nach diversen Versuchen, die dem Verkäufer weit peinlicher waren als mir, tat meine Visa schliesslich doch noch das, wozu sie auf der Welt ist, mir einen Therapeuten ersparen, nämlich. Ich machte mir nicht weiter Gedanken. Bis es so weiterging, dann schlimmer wurde und schliesslich in meinem ganz persönlichen Supergau bei Barneys, Konsumtempel for the utterly fearless, gipfelte. Ich wollte lediglich ein völlig überflüssiges Designer-Accessoire erstehen, stattdessen musste ich meine Kreditwürdigkeit vor einer 5th Avenue Verkäuferin rechtfertigen, die aussah, als könnte sie mit einem einzigen Wimpernschlag Angelina Jolie vom Planeten fegen. Warum Sie hinter der Kasse bei Barneys stand und nicht auf irgendeinem roten Teppich, ich kann mir auch nicht alles erklären. 'There seems to be a problem with your card' sprach sie, aber das kannte ich ja nun schon, ich kann mir halt nur dieses 'Hoffnung stirbt zuletzt' Prinzip nicht abgewöhnen. Ich tat überrascht und ansonsten erstmal gar nichts, ich hatte ja nun schon Übung. Sie versuchte es wie beabsichtigt noch einmal, starrte dabei angestrengt auf ihren Kassenscreen und hätte sicherlich auch ihre perfekt geschwunge Augenbraue hochgezogen, würde Botox solche Ausfälligkeiten erlauben. Mir wurde ein bisschen ungemütlich, aber noch nicht schlimm. 'Martina Kink, 55 West 74th Street, that still correct?' sprach sie nun in einem Ton, von dem jeder Immigration Officer am JFK noch was in Sachen Einschüchterung lernen könnte. Mich allerdings schüchterte sie damit nicht im Geringsten ein, mich zerknüllte sie damit in ihrer perfekt manikürten Hand. 55 West 74th ist meine alte Adresse, sämtliche New York Erinnerungen verwandeln mich auf der Stelle in ein wehmütiges Etwas, sie muss es geahnt haben, sie wollte mich umbringen. Das hätte sie auch mit ihren perfekt glänzenden superglatten Haaren geschafft, die ich immerzu anstarren musste, dazu musste sie nicht derart hinterhältige Waffen rausholen. Ich wollte nun meinerseits gerne die Stirn runzeln, hatte es aber leider mit einem faustgrossen Kloss im Hals zu tun. Kurz versuchte ich, die Situation mit einem 'das ist mir ja noch nie passiert' Gesichtsausdruck zu retten, scheiterte kläglich, und zahlte das hübsche Designerding cash. La Bitch wünschte mir dann auch noch einen schönen Tag.
Um mich von der Schmach zu erholen, tat ich das einzig richtige: Ich beschloss, woanders Schuhe zu kaufen, ach, wär ich doch nur immer so hartnäckig. Man möchte fast ahnen, was geschah, aber diesmal hatte ich Glück in Form einer grenzenlos superen Verkäuferin, die sich nicht zu schade war, stundenlang in der Telefonhotline meiner Bank zu hängen, um somit doch noch zwei Paar Stiefel auf meine kranke Karte zu buchen. Sie entliess mich lächelnd mit einem verständnisvollen 'It happens. Have you been using that card a lot?' Ich hatte nicht genug Kraft, ihr die Geschichte der 250 Dollar Creme und diverser anderer Mitbringsel zu erklären, deshalb bedankte ich mich überschwänglich und schleppte endlich Hochglanztüten nur für mich nach Hause. Ganz bestimmt hatte ich erhöhte Temperatur.
Ein Anruf bei der Bank ergab, dass meine Karte einen Kreditrahmen besitzt, in Größe XXS, der eigentlich mit den Flugkosten schon fast gesprengt war. Ich war baff. Zwar wusste ich, dass meine Naivität kaum Grenzen kennt, dass es aber schon so weit war, war mir neu. Man lernt nie aus über sich selber. Ich hatte diesen Rahmen selbstverständlich nie festgelegt, denn dann gäbe es ihn ja gar nicht. Zudem meine ich mich zu erinnern, dass Rahmen da sind, um gesprengt zu werden, oder waren das Ketten? Auf dem Heimflug fand ich mich übrigens aufgrund eines Air France Streiks gestrandet zwischen American Airlines und London Heathrow, ohne nennenswert Cash plus kaputter Kreditkarte. So lernte ich ausserdem, dass man auch ohne Geld auf einen ausgebuchten Flug nach München kommt, wenn man nur glaubhaft mit Tränen droht.
Euch bring ich nichts mehr mit.