kannst du mal schauen ob's bei mir brennt?
Freitag morgen liess ich das Rad am Marienplatz stehen und fuhr den Rest mit der U-Bahn, es hatte etwas mit einer Abendeinladung in Solln (weit draussen) und S-Bahn und Gewitterwolken zu tun und schien mir logisch, ich hatte aber auch nicht richtig nachgedacht. Einmal im Leben wollte ich planen, und was passiert? Genau.
In der U-Bahn musste ich natürlich nicht aufpassen, ob eines der panzerähnlichen Autos, die gerade die neuen Handtaschen sind, rechts abbiegt, ohne mein Radfahrer-Fluchen zu hören. Nur deshalb und wegen dem langweiligen Drumrum hatte mein Kopf genügend Zeit, ein 'Herdplatte?' rauszuholen. Hatte ich die Herdplatte ausgemacht? Ich wusste es nicht. Liess die Zeitung sinken, starrte bis zur Münchner Freiheit mein Spiegelbild in der U-Bahn Tür an und versuchte mich an die letzten Minuten in der Wohnung zu erinnern. Man hätte mir Glücklichsein bis ans Lebensende anbieten können, ich wusste trotzdem nicht mehr, ob ich die Espressomaschine runtergezogen und den Herd ausgemacht hatte. Dafür fiel mir ein, dass A. bald Geburtstag und ich immer noch kein Geschenk hatte. Im Büro angekommen schwankte ich noch viel mehr zwischen 'sowas macht man doch automatisch!' und 'Feuer!' Danach musste ich erstmal atmen und bis hier habe ich auch noch nicht erwähnt, dass ich ganz schön weit weg vom Schreibtisch wohne, wenn man mal verwöhnt rumtut. Mit dem Rad brauche ich sommeranfangs 20 Minuten, sommerends 10. Mit Bus und U-Bahn brauche ich 30 Minuten, immer, so eine U-Bahn zeigt ja keinerlei Trainingseffekt. Zurückfahren und den Rest des Tages beruhigt sein würde dauern, länger noch, weil das Rad ja gut geplant einmal nicht vor der Tür stand. Um der Feuerwehr und meinem Puls Zeit zu geben wählte ich erstmal meine Festnetznummer, warum weiss ich nicht, vielleicht wollte ich wenigstens eine eventuelle Herdexplosion live hören. Mein Anrufbeantworter bat um Nachricht nach dem Peep, war also noch nicht geschmolzenes Plastik, und so überlegte ich, wen ich schnell um Linderung meiner Panik bitten könnte. A. hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung, arbeitet aber auch anderswo. S. könnte mal eben aus ihrem Fenster nach rechts schauen, aber was hilft mir ein 'Scheisse, stimmt, bei Dir brennts!'. Sie hat ja keinen Schlüssel.
Ich musste schnell zurück, wie sonst hätte ich den Tag überlebt, aber kaum war ich draussen definierte sich 'schnell' völlig neu. Die nächste U-Bahn Richtung Marienplatz kam laut Anzeige in 5 Minuten und ich hatte nicht mehr genug Kraft, nervös auf und ab zu springen, zudem hatte ich nicht nur die Herdplatte sondern auch die passende Musik zuhause vergessen. Endlich im Zug quälten sich 4 Stationen wie sonst nur ein fehlgekauftes Buch, nach jedem 'nä ch st er ha lt' wollte ich den Schaffner mit einem 'okay, Giselastrasse, aber MEINE Wohnung BRENNT' von hinten umbringen. Es waren die längsten Minuten in meinem Leben, und ich schreibe das nicht einfach so daher wie sonst.
Als ich mein Rad endlich hatte ging es schnell, natürlich war der Herd aus (natürlich, sowas macht man doch automatisch), aber seither überlege ich, was ich aus meiner brennenden Wohnung zuerst retten würde, ich habe nämlich keine Katzen. Meine Fotos und Briefe sind in einer sehr schweren Kiste, mit der kann ich gar nicht schnell rennen, mich selbst hab ich immer dabei, und alle anderen wohnen ja nicht bei mir. Später am gleichen Tag wurden die Wolken noch sehr dunkelgrau und ich wusste nicht mehr, ob ich das Dachfenster im Schlafzimmer zugemacht hatte. Ich bin aber nicht nochmal zurückgefahren, ich war gerade in Solln (weit draussen), und ausserdem bin ich nicht aus Zucker und kann schwimmen.