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Sonntage sind nur saisonal scheisse.


Wir sind uns einig, Sonntage sind schwierig, ab ungefähr 15.00 Uhr kaum zu ertragen, die Welt steht still und alle wollen immerzu nur spazierengehen oder Kaffee trinken. Was bei all dem Gejammer aber immer vergessen oder vielleicht auch verschwiegen wird: Sonntage sind nur saisonal doof. Wintersonntage zum Beispiel sind total in Ordnung, wenn nicht gerade Weihnachten ist, ansonsten kann man Skifahren oder gleich im Bett bleiben, sagt auch keiner was. Sommersonntage sind noch viel okayer, es lässt sich prima den ganzen Tag draussen rumlungern und die halbe Nacht dazu, oder muss wirklich noch jemand heim, Hausaufgaben machen? Im Hochsommer ist der Hysterie ausserdem schon ein bisschen die Luft ausgegangen, und es kommen nicht mehr 10 Münchner mit Kleinkind auf einen Zentimeter Biergartenbank. Sogar mit Sonntagen im Spätherbst lässt es sich auskommen, man weicht den 'wer jetzt allein ist' Gedanken einfach elegant aus und konzentriert sich stattdessen darauf, dass man immerhin ein Haus hat, oder wenigstens eine überteuerte Mietwohnung, wo man es sich 'kuschlig' machen kann. Kuschlig bedeutet vor allem viel Tee trinken, so höre ich. Mag man keinen Tee kann man auch ohne lesen, denn zum Lesen ist der November da. Herbst- und Frühjahrswochenenden verbringt man allerdings am schönsten damit, Freunde in anderen Städten zu besuchen. Wenn man nicht so recht weiss, wohin mit sich selbst, dann hilft es ungemein, nicht bei sich selbst zu bleiben. Doch, so einfach sind die Dinge wirklich manchmal. Weg sein ist die allerbeste Methode mal ganz nah bei sich zu sein, aber wann kriegt man schon mal seinen Hintern hoch. Immer schreibe ich 'man' wenn ich 'ich' meine.

Die wirklichen Killer unter den Sonntagen sind die im Frühling, es traut sich nur niemand, das zuzugeben. Sie kommen freundlich und vielversprechend daher (Gefühle, Hormone), sind dabei aber nur eines: hinterhältig und verlogen. An Frühlingssonntagen mit Sonne, wenn die Luft zum ersten Mal erhöhte Temperatur aufweist, wächst der Rausgehen-Druck ins Unerträgliche. Man verstehe mich nicht falsch, ich bin alles andere als ein Stubenhocker, ich lasse mich halt nur ungern zu etwas zwingen, auch nicht vom blauen Himmel höchstpersönlich. So stehe ich an solchen Tagen gleich nach dem Aufstehen schon irgendwie unangenehm berührt am Fenster und blicke auf die Horden von Menschen unten auf der Straße. Während der Rest der Stadt den ersten Kaffee unter freiem Himmel trinkt, leichtbekleidet und schmerzfrei bei gerade mal 11 Grad, öffne ich probehalber das Fenster und halte misstrauisch einen Arm raus. Meine Schwestern im Geiste führen die frisch lackierten Fussnägel schon barfuss in den neuen Ballerinas spazieren, ich wickle mir vorsichtshalber einen Schal um den Hals. So ein sonniger Tag Ende März ist nichts weiter als ein schlecht getarnter Januar in der neuesten Frühjahrsmode, der einem die Gutgläubigkeit gleich am nächsten Morgen mit einer fiesen Erkältung heimzahlen wird.

Wo hin an solchen Tagen, wenn einem der Herdentrieb die Schultern schwer werden lässt? Eigentlich kann ich mich meist gut alleine beschäftigen und es ist mir ausserdem egal, was alle anderen machen, ich verbringe sogar einen Großteil meiner Zeit damit, mir das genaue Gegenteil zu überlegen. An diesen ersten freien Sonnentagen im Frühling fällt aber sogar mir das trotzig sein schwer, deshalb überlege auch ich kurz nach Kaffee und Zeitung, was zu tun sei. Ich könnte Frühstücken gehen, oder in den Zoo. Leider prallt das Konzept 'Frühstücken gehen' seit seiner Erfindung an mir ab und was soll ich im Zoo, mir hängt ja kein Kind am Knie. Frühstücken gehen bedeutet Waschen Anziehen Haus verlassen, nur damit ich Kaffee und was Süsses bekomme, wie aber soll das gehen ohne erstmal Kaffee und was zu essen, da stimmt doch schon im Ansatz was nicht. Ich möchte morgens bitte auch nicht sprechen, ich möchte nur die Zeitung lesen, weiss leider noch nicht, wie mein wertes Befinden ist und wofür ist eigentlich Brunch? Bleibt spazierengehen, vor allem, wenn man in einer Stadt mit Fluss lebt. Ich gehe nicht so gerne spazieren, schlendern oder bummeln verwehrt sich mir erst recht, ich gehe immer nur von A nach B, wobei B gerne auch weiter weg sein darf. Überhaupt gar nicht möchte ich zwischen Kinderwägen und Tieren Teil einer Völkerwanderung sein, wo ich die ganze Zeit darauf achten muss, nicht über einen Hund zu stolpern. Ich mag weder Hunde noch Katzen sonderlich, habe dafür auch keine Allergie als Entschuldigung, sondern nur die Tatsache, dass der Tag, an dem ein Tier ins Haus kommt der Tag sein wird, an dem ich ausziehe. Kinder mag ich schon, ich kann es mir nicht leisten, noch mehr Karmapunkte zu verlieren. Das wichtigste Accessoire, gleich nach Kind und/oder Hund und/oder Schatzi ist an solchen Tagen selbstverständlich die Sonnenbrille, neueres Modell, bitte. Weil es mir an Kindern und Hunden und Partnern mangelt besitze ich davon gleich viele. Leider vergesse ich sie an den ersten hellen Tagen regelmässig zuhause, ich denke einfach noch nicht daran, vielleicht sorgt mein Unterbewusstsein so dafür, dass nach dem dunklen Winter erstmal genügend Licht in meinen Kopf kommt, damit ich bis zum Sommer durchhalte. An die Falten um meine Augen denkt mein Unterbewusstsein dabei nicht, aber dafür ist es ja auch nicht zuständig. Ich will nicht ungerecht werden.

Alle ausser mir gehen offensichtlich gerne spazieren, um danach Kaffee zu trinken, ich kann mir den Wahnsinn an der Isar an solchen Tagen nicht anders erklären. Selbst eine 42te Straße Ecke Broadway wirkt wie Rosenheim am Feiertag dagegen. Kaffee sage ich, ich meine natürlich Latte Macchiato, Entschuldigung, ich trinke nur morgens Kaffee und kenne mich da nicht so aus. Trotzdem sollte ein Latte nicht als Kaffee bezeichnet werden, denn Latte Macchiato ist nichts weiter als heisse Milch mit zwei Tropfen Espresso, hat demnach mit Kaffee ungefähr soviel zu tun wie Nudeln mit Diät. Abgesehen davon, dass es bei näherem Hinsehen ein kleines bisschen lächerlich ist, wenn Erwachsene literweise warme Milch in sich reinschütten, während sie die Sonnenbrille von der Nase ins Haar und wieder zurück schieben: Bin ich wirklich die einzige, der von soviel Milch einfach nur übel wird und sonst passiert aber gar nichts?

Schlussendlich habe ich mich in eine ganz andere Richtung abgelenkt. Der Frühling eignet sich traditionsgerecht hervorragend zum Saubermachen, manchmal haben unsere Mütter so unrecht nicht. Ich habe mit den Fenstern angefangen, was übrigens ganz schön dauert. Man sollte sich das vorher gut überlegen, bitte nicht damit loslegen, wenn man um 15.00 Uhr zum Spazierengehen verabredet ist. Trinkt Ihr also ruhig weiter warme Milch oder putzt von mir aus die Sonne, ich habe jetzt blitzblanke Fernsicht. Damit ich Euch besser sehen kann, wenn ich dem Treiben von hier oben zuschaue, ein bisschen fröstle, und dem Frieden noch nicht ganz traue.


Demnächst hier: Frühlingsgefühle. Oder Putzen. Je nachdem.

Comments

Und nächsten Sonntag dann Staubmäuse fangen? Nun ja, wahrschenlich wäre das immer noch besser als den Milchschaumschlürfern zuzuschauen, aber im Ernst meine Liebe, so geht das doch nicht. Trink Deinen Kaffee und geh dann z.B. mit Raumi & Co. zu einem dieser stundenlangen Mittagsfrüstücke, komm abends nett angetütert heim und gut ist mit Frühlingssonntagblues...

Spatzl, wüsste ichs nicht besser, würd ich sagen: du musst RAUS aus diesem Viertel!!

Das ist p-e-r-f-e-k-t beschrieben. Genau so ist es. So und nicht anders. Nicht zu vergessen die Weichei-Sportler, die sich, kaum scheint die Sonne, auch schon wieder mutig raustrauen.
(Die Überschrift ist toll - saisonal scheiße. Klasse.)

Ich kann mit einer guten Ausrede aufwarten, warum ich leider nicht rausgehen kann: Sobald das Wetter so ist, dass alle vor Freude total ausflippen, bekomme ich Heuschnupfen. Ich stehe jetzt zu meinem Stubenhocker-Dasein, gehe alles zu Fuß, muss deshalb auch nicht spazierengehen oder gar Kaffee trinken oder Milch. Zum Frühstück das Haus verlassen geht nur, wenn es sich um ein zweites solches handelt und die Sonnenbrille gehört fest in die Handtasche außer bei Dauerregen. (Ja, ich habe nur eine Handtasche in Benutzung, habe auch keinen Schuhtick, vielleicht habe ich komische Gene oder so.)

An schönen Frühlingssonntagen fühlt sich der Wald hinter unserem Haus wie eine Autobahn an und auf den Spielplätzen gibt es keine Sitzplätze mehr für die Erziehungsberechtigten. Ich bin eher dafür, das Kind in den Sandkasten zu schicken und selber mal ein halbes Mittagsstündchen in der Sonne in der Hängematte zu verbringen. Mit Sonnenbrille und Wolldecke. (Die Hängematte ist natürlich in Sichtweite des Sandkastens, ich muss ja meiner Aufsichtspflicht nachkommen.)

Genau die Weichei-Sportler mit ihren Rennrädern die auch auf der Straße fahren wenn es einen Radweg daneben gibt. Kaum ist es ein paar Grad wärmer belagern sie die Straße, ich will ohne Hidernisse im Weg bei offenem Fenster und Sonnenbrille auf durch die Straße cruisen!
Die ersten Menschen tragen kurze Hosen. Das Erlebniss fand ich so einschneidend, dass ich die Nacht darauf davon geträumt habe!

Hm. Durchaus lange und wahre Zeilen. Gefällt.

Der vorletzte Satz hat den Groove! Von mir daher Respekt dafür.

Mein Reden! Du sprichst mir aus der Seele!

Ich wüsste da einen kleinen Ort, gleich hinter München, wo jemand das "Reihenhaus-Bobby-Car-Programm" gnadenlos durchzieht, aber sehr, sehr gerne Besuch bekommt, auch und gerade sonntags, egal, wie das Wetter ist.

Waffeln, Kuchen, Abendessen gibt es dort auch, je nach Tagesezit. Sogar Alkohol! Latte Macchiato hingegen nicht.

hi hi, ja, ich hasse Sonntage auch. Wie schön, dass heute wieder einer ist.

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