Spieglein, Spieglein an der, ach, egal.

Ich war beim Schönheits-Chirurgen, eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss. Oder was der Hautarzt sagt. Eben dieser fand kürzlich etwas in meinem Gesicht, was ihm nicht so gut gefiel. Ich konnte das durchaus nachvollziehen, war aber überrascht, als es dann doch nicht um meine Nase ging. Man schickte mich zum Schönheitschirurgen, immerhin sollte diesmal in meinem zauberhaften Antlitz rumgeschnitten werden. Die zahlreichen Muttermale am Rest meines Körpers schneidet mir mein Hautarzt immer selbst raus, und wenn ich schneiden sage, meine ich säbeln, und wenn ich säbeln sage sieht es dann auch so aus. Mein Rücken zum Beispiel tut sich mittlerweile ganz schön schwer mit Entzücken. Schönheitschirurg fand ich deshalb erstmal sensationell, ich lese aber auch sehr viel Gala. Erst später fiel mir auf, dass ich höchstwahrscheinlich die einzige war, die zum Herrn Professor stöckelte, um sich Narben abzuholen, nicht etwa, um sich Falten wegmachen zu lassen. Hat sich im Wartezimmer dann auch sofort bestätigt, diese Vermutung.

"Sofort bestätigt" heisst in diesem Fall nach ca. 20 Minuten, mein Hirn braucht manchmal etwas länger, um mir Dinge zu erklären. Ganz anders mein Gesichtsausdruck, der war wesentlich schneller: erstmal fiel mir nämlich das Kinn runter. Im Wartezimmer sass ein und dieselbe Frau, und zwar in zehnfacher Ausführung. Blond, gross, schlank, nein, dünn, nein, runtergehungert, in weisser Jeans und dem restlichen Chic, der an sowas ausser zu viel Schmuck noch drangehört. Dass die Klonfrau weitaus jünger war als ich, war noch nicht einmal das Bemerkenswerteste. Das Bemerkenswerteste war, dass sich das gesamte Weiber-Spiegelkabinett Tampons an die Stirn oder die Mundfalten drückte.

Hä?

Wie gesagt, mein Hirn. Es kam schliesslich doch noch drauf, dass da wohl Druck auf Einstichstellen ausgeübt wurde, damit kein hässlicher Bluterguss das Ergebnis verschandelt. Kennt man ja vom Blutabnehmen. Hat bei mir noch nie funktioniert, mich muss man aber auch nur einmal scharf anschauen, dann formt sich schon ein beleidigter blauer Fleck. Alle InStyle Ausgaben mit den bunten Modebildchen waren von den Dünnen in Beschlag genommen. Klar, wenn man eine Hand an der Stirn hat und mit der anderen die Zeitschrift hält, dann bleibt kein Zeigefinger mehr zum Lesen. Ich kann deshalb leider nicht mitteilen, was man diesen Sommer so trägt, empfehle aber Lederjacken, Schals und bunte Mützen. Für mich blieb immerhin die aktuelle Gala, bis nach gefühlten drei Stunden passierte, was in Arztpraxen immer drei Stunden nach vereinbartem Termin passiert: mein Name wurde aufgerufen, und bis zum nächsten Arztbesuch heisse ich also Klinke. Danach passierte, was danach dann auch immer passiert. Man kommt ins Sprechzimmer, um dort eine weitere halbe Stunde – machen Sie sich schonmal frei! – halbnackt und frierend auf der Behandlungsliege zu sitzen. Das ist ein bisschen entwürdigend bei offener Tür, aber richtig schlimm daran ist, dass man jetzt nicht einmal mehr die Gala oder sonstwas zum Lesen da hat. So spannend ist die Beschreibung von den herumliegenden Verbandsmaterialien nun auch wieder nicht.

Immerhin hatte ich so Gelegenheit, mir ein paar Gedanken zu Botox und dergleichen zu machen. Ich bin da nämlich gar nicht so, ich kann mir durchaus vorstellen, in naher Zukunft mal einiges glattbügeln zu lassen. Also dann, wenn es ohne Spritzen geht. Mit Handauflegen oder Zaubersprüchen. Ich finde Älterwerden im Gegensatz zu all denen, die dabei was von Stolz und Würde und innerer Einstellung plappern, überhaupt nicht super. Von aussen schon gar nicht. Komme mir jetzt keiner mit "Lachfältchen", soviel lache ich gar nicht, wie es da knittert. Dann eher Krähenfüsse, rumkrähen klingt schon eher nach mir, leider finde ich die Vorstellung von Vogelkrallen im Gesicht auch nicht lustig. Ich beschloss, mein Gesicht so zu lassen, wie es ist, immerhin kostet mich schon ein Zahnarztbesuch meine ganze Kraft. Ich mag es nicht, wenn man mir im Kopf rumwühlt und schon gar nicht, wenn ein Skalpell sich meiner Wange nähert. Do not mess with my head.

Man darf seine Meinung auch mal alle fünf Minuten ändern, fand ich, und so erklärte ich die Frauen im Wartezimmer zu dummen Hühnern, die sich nur mit ihrem Äusseren beschäftigen und ansonsten nichts im Kopf haben. Schlimm. Ich meine, mein Gott, ich hätte auch gern längere Beine! Aber dafür lasse ich mir doch nicht die Oberschenkelknochen brechen und lege mich drei Jahre auf die Streckbank. Ich bin schliesslich nicht Jack Bauer, vermutlich würde ich eine solche Prozedur gar nicht aushalten. Davon abgesehen: Wer weiss schon, wie lange so ein superglattes Gesichtchen noch angesagt ist. Am Ende ist es wie bei Kaffee oder Rotwein: Heute bringt er dich an den Rand des ersten Herzinfarktes, in fünf Jahren lässt er einen dann wieder 110 Jahre alt werden. Entscheidet Euch mal! Ich trinke bis dahin beides, lasse die Finger vom Botox und warte auf hieb- und stichfeste wissenschaftliche Erkenntnisse. In 20 oder zehn Jahren wird der Schönheitschirurg dann sprechen: "Es gibt da eine ganz neue Methode, wir ritzen Ihnen ganz leichte Fältchen in die Stirn und um die Augen. Es wird ganz natürlich aussehen – fast so, als hätten Sie auch mal gelacht." Und das Wartezimmer wird voll sein.

In der Zwischenzeit zeige ich mit meiner brandneuen Narbe im Gesicht schonmal, wie so etwas dann aussehen könnte. Ich war meiner Zeit aber auch schon immer meilenweit voraus.

I heard the world looks awesome upside down.

tiny swissmiss hat schon alles verstanden.

Mama?

Mama?!!

Schrei doch ned a so, wos suachstn scho wieda?

Wo isn da Zopf?

Wos für a Zopf?

Da Zopf! Der Hefe, der Osterzopf?

Den hob i no ned gmacht.

Wos!!

Den mach i erst morgn.

Aba heid is Ostern!

Ostern is no bis Montag.

Aba heid is dings, Freitag, Karfreitag!!

Ah so, do werst auf oamoi katholisch.

the work we do for love.

In an ideal world, we could work for a living three days a week. On the fourth day we’d work on whatever we are drawn to, intrigued or fascinated by. Personal stuff. The work we do for love. Dayfour is a magazine of personal work by photographers and other creative people.

ja sog amoi.

Seit man einen Altersnachweis braucht vereinsamen die Zigarettenautomaten an den Häuserwänden, denn es funktioniert ja doch nie. Egal, wie oft oder wie andersherum ich meinen Führerschein hineinstecke, das Ergebnis ist immer das gleiche: Lesefehler! Karte anders stecken? Klingt wie eine gewöhnliche Fehlermeldung, obendrein mit gutgemeinten Ratschlägen, ist aber völlig korrekt. Ich halte mein Alter auch für einen Lesefehler, aber davon wollte ich gar nicht reden, ich wollte übers Wetter schimpfen wie alle anderen auch. Meine Zigaretten kaufe ich seither manchmal im "Bierschuppen", einem Bierschuppen in meiner Strasse. So auch am Mittwoch. Als ich die Strasse runterlaufe schneit es plötzlich weisse Weihnachts-Schneeflocken statt der nassen Matschflocken, die sonst unfertig aus den Wolken herausfallen. Ganz in weiss betrete ich den Bierschuppen, Servus!, bitte um die Zigaretten und lächle dem Stammgast an der Bar zu. Er nickt, und sein Augustinerblick bleibt an meinen gepuderzuckerten Haaren hängen, die heute das erste Mal seit Wochen ohne Mütze rausdurften. Dann donnert er los: "Ja sog amoi, schneibts etz scho wieda!" Obwohl er mich anfährt, als wäre ich persönlich schuld, kann ich es ihm nicht übel nehmen – immerhin spricht er mir sowohl in Lautstärke und Dialekt als auch in Entrüstung und Unglauben direkt aus der Seele. Trotzdem hätte ich mich beinahe noch entschuldigt.
My Photo

flickr

about